Name: Charlotte („Lotte“) Specht
Lebensdaten: 15. Oktober 1911 in Frankfurt am Main bis 10. Februar 2002 ebenda
In aller Kürze: Lotte Specht rief den ersten Verein für Frauenfußball Deutschlands ins Leben. Doch in einer Zeit, in der jede Form von Frauenbetätigung außerhalb von Ehe und Kindern angefeindet wurde, war ihr mutiger Versuch zum Scheitern verurteilt.
Im Detail: Charlotte („Lotte“) Specht kam am 15.Oktober 1911 in Frankfurt am Main zur Welt. Die Stadt war damals bereits eine reiche Metropole. Sie hatte über 400.000 Einwohner und war durch umfassende Eingemeindung zu dieser Zeit für ein paar Jahre die flächengrößte Stadt Deutschlands. Doch Lotte Specht konnte von dem Reichtum ihrer Heimatstadt nur wenig profitieren. Sie kam nicht aus der Oberschicht. Ihr Vater war Metzger und damit aus dem einfachen Volk.
Anfang des 20. Jahrhunderts war Fußball bereits ein Breitensport geworden – nicht unbedingt etwas für Adel und Aristokratie, aber für eine Metzgerstochter war der König Fußball der Mannschaftssport schlechthin. Und Lotte Specht war wahrhaft begeistert von diesem Ballsport. Sie schaute nicht nur gerne Fußballspiele. Specht wollte auch selbst kicken.
So zumindest der Plan, als sie im Alter von 18 Jahren im Jahre 1930 den ersten deutsche Frauenfußballverein gründete. Über eine Zeitungsannonce suchte sie Gleichgesinnte und konnte in der großen Stadt auch genügend finden für ein Fußballspiel. Im März 1930 gründete 35 Frauen den 1. Deutschen Damen Fußballclub (1. DDFC).
Mit 35 Mitgliedern hatte der Verein genügend Frauen, dass sie zwei Mannschaften bilden konnten, um gegeneinander zu spielen. Schließlich gab es noch keinerlei anderen Vereine im Frauenfußball, die als Herausforderer hätten dienen können.
Doch so viel Freude die Damen am Ballspiel hatten, der Verein hatte keinen Bestand, denn das ganze wurde zum Politikum. Frauenfußball war damals geradezu etwas Anrüchiges. Viele Leute sahen die Spielerinnen als das, was sie waren: bloß eine Gruppe von Frauen, die zusammen Fußball spielten.
Aber es gab auch Leute, vor allem Männer, die sich massiv darüber aufregte. Die Spielerinnen wurden von den Zeitungen und vielen Bürgern als „Mannweiber“ oder „Suffragetten“ beschimpft. Das letzteres überhaupt als Schimpfwort gesehen wurden, kommt uns heute völlig absurd vor. Viele kennen den Begriff überhaupt nicht mehr. Falls Sie dazu gehören: Suffragetten waren jene, die dafür kämpften, dass Frauen das Wahlrecht bekommen sollten.
Dieses Ziel war 1930 schon längst erreicht – die Weimarer Republik hatte das allgemeine Frauenwahlrecht eingeführt. Direkt für die Wahl zur Deutschen Nationalversammlung, die die neue Verfassung für das Deutsche Reich aushandeln sollte, waren Frauen am 19. Januar 1919 wahlberechtigt. Trotzdem waren auch 11 Jahre später Frauenrechte offenbar ein Stein des Anstoßes.
Aus Sicht dieser Anfeinder sollten die Frauen sich artig Ehemänner suchen, damit sich ihr ganzes Leben um Kinder und Ehemann drehen konnte. Womöglich war es für diese Hasser auch ein besonders rotes Tuch, dass Lotte Specht nicht nur unverheiratet war, sondern auch keinerlei Absicht hatte, das zu ändern. Sie sollte sogar ihr Leben lang aus Überzeugung Junggesellin bleiben. Sie hatte einfach kein Interesse an Männern. (Ob sie stattdessen eins an Frauen hatte, ist nicht überliefert.) Damit wagte auch die Gründerin des Vereins es, dem Frauenbild der Deutschnationalen nicht zu entsprechen.
All diese verbalen Angriffe waren für die Frauen des 1. DDFC zu viel. Schon nach anderthalb Jahren, im Herbst 1931, löste sich der erste deutsche Fußballverein der Frauen wieder auf. Viele der Spielerinnen waren längst wieder ausgetreten, oft auf Druck ihrer empörten Eltern.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden viele Frauenrechte wieder zurückgenommen (und liberale Rechte im Allgemeinen). Die Nazis hatten ein sehr klares Frauenbild von der gehorsamen Ehefrau und Mutter. In artiger Regimetreue verurteilte der Deutscher Fußball-Bund (DFB) im Jahre 1936 den Frauenfußball explizit. (Die Freude der Nazis am Männerfußball sollte man übrigens auch nicht überstrapazieren. Als Volkssport und -unterhaltung war er der NSDAP durchaus opportun. Aber wirklich aktiv förderten sie lieber körperliche Ertüchtigung, die auf den Krieg vorbereiteten – vor allem der Hitlerjugend wurden Wildnisübungen, Kampfsport, Gewehrübungen und sogar das Werfen von Granatenattrappen angeordnet.)
In Deutschland ging der Frauenfußball erst in den 1950ern wieder los. Offiziell anerkannt wurde er vom DFB jedoch erst am 31. Oktober 1970 – als Lotte Specht schon 59 war und 40 Jahre nach der Gründung des 1. DDFC.
Lotte Specht ging auf Drängen ihrer Eltern zunächst auf eine Handelsschule und arbeitete als Sekretärin. 1935 besuchte sie dann eine Schauspielschule und fand dort ihre Berufung: im Kabarett und auf der Bühne. Zunächst besuchte sich mehrere deutsche Städte, um dort aufzutreten – auch während des Krieges.
Auf lange Sicht sehnte sich die gebürtige Frankfurterin allerdings nach ihrer Heimatstadt. Nach dem Krieg kehrte sie zurück, um das Kabarett die Unmöglichen mitzugründen. Ihr Lokalpatriotismus ließ sie 1955 auch die erste Frankfurter Mundartbühne gründen, wo im lokalen Dialekt gespielt wurde. Diese Bühne bestand nur fünf Jahre und in interessanter Analogie zum Frauenfußball sollten Jahre später andere das Projekt wieder aufleben lassen – Lotte Specht war auch hier ihrer Zeit voraus.
Später wurde das Schauspiel zur Nebentätigkeit für Frau Specht, während sie wieder als Sekretärin arbeitete.
Trotz dieser beiden ganz anderen Karrieren ist der Name Lotte Specht bis heute mit dem Frauenfußball verbunden. Kurz vor ihrem Tode schickte die deutsche Nationalmannschaft der Frauen ihr sogar einen anerkennenden Brief mit Autogrammen sämtlicher Spielerinnen.
Lotte Specht erreicht das hochbetagte Alter von 90 Jahren. Sie verstarb am 10. Februar 2002 in ihrem Geburtsort Frankfurt am Main.
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