William Kingdon Clifford, Mathematiker und Ethiker

Name: William Kingdon Clifford

Lebensdaten: 4. Mai 1845 in Exeter bis 3. März 1879 auf Madeira

In aller Kürze: „Es ist falsch, immer, überall und für jeden, irgendetwas zu glauben ohne hinreichende Belege.“ – William Kingdon Clifford

Clifford war ein brillanter Mathematiker, dessen Arbeiten unter anderem die Grundlagen für die allgemeine Relativitätstheorie legten. In Zeiten der Fehlinformationen und des gefährlichen Irrglaubens ist er aber eher im Gespräch wegen seiner festen Überzeugung, unbegründeter Glaube sei moralisch verwerflich.

Im Detail: William Kingdon Clifford wurde am 4. Mai 1845 in Exeter geboren. Bereits als Schüler fiel er als genial auf. Nach der Schule ging sein Weg rasch in die Physik und vor allem Mathematik. Im Jahre 1870, mit nur 25 Jahren, war er Teil einer Expedition nach Italien, um dort eine Sonnenfinsternis zu vermessen. Diese Mission verlief nicht gerade reibungslos, weshalb er auch die zweifelhafte Ehre hatte, mit nur 25 Jahren einen Schiffsuntergang überlebt zu haben.

Danach hob vor allem seine Karriere als Mathematiker ab. 1871 wurde er bereits Professor, 1874 konnte er die Mitgliedschaft der Royal Society erringen. Er hatte eine Beziehung zu einer Frau namens Lucy Lane, mit der er zwei Kinder zeugte. 1875 heirateten die beiden.

Clifford wurde von seinen Bekannten als genial, schlagfertig und freundlich beschrieben. Er liebte Kinder. Er verbrachte gerne Zeit mit ihnen und sein Kinderbuch Die kleinen Leute (engl. The Little People), das Geschichten über Feen enthielt, ist eines seiner wenigen nichtmathematischen Werke.

Davon gibt es nicht so viele, weil Clifford wenig Lebenszeit dafür blieb. Erst arbeitete er sich kaputt, dann verstarb William Kingdon Clifford im Alter von 33 Jahren an Tuberkulose und hinterließ eine Witwe und zwei Kinder.

Trotz seinem kurzen Leben ist sein intellektuelles Erbe nicht zu unterschätzen. In der Mathematik entwickelte er neue Formen der algebraischen Geometrie, arbeitete im Feld der Analysis. Clifford war der erste, der vorschlug, Schwerkraft könnte ein geometrisches Phänomen sein. Eine Idee, die zusammen mit seinen mathematischen Konzepten in der nichteuklidischen Geometrie die Grundlage für Einsteins allgemeine Relativitätstheorie bildete.

Diese Errungenschaft ist aber nicht der Grund, warum Cliffords Werk in den letzten Jahren zunehmend Aufmerksamkeit erhält. In Zeiten von Fake News und postfaktischer Kultur im Netz befassen sich mehr und mehr Leute mit einem Konzept, welches Clifford nicht erfand, aber scharf formulierte: epistemische Verantwortung.

„Epistemisch“ bedeutet „die Erkenntnis betreffend“. In diesem Fall geht es um die Überlegung, eine Person könnte nicht nur für ihre Taten verantwortlich sein, sondern auch für das, was sie über die Welt glaubt. Denn Glauben haben Taten zur Folge.

Clifford verwendet in seinem bahnbrechenden Aufsatz Die Ethik vom Glauben (englisch: The Ethics of Believe) das Beispiel eines Schiffseigners, der sich aus Geiz einredet, sein marodes Schiff wäre sicher, woraufhin es dann versinkt.

Ein sehr viel tagesaktuelleres Beispiel wäre der Schaden, den Impfgegner anrichten. Es gibt mehr und mehr Eltern, die ihre Kinder nicht gegen Masern impfen lassen, weil sie glauben, die Masernimpfung wäre schädlich, würde bspw. Autismus verursachen. Das ist völliger Unfug – der Artikel, der das damals behauptete, ist längst widerlegt und dessen Autor wurde als Betrüger entlarvt, der seine Forschung fälschte, um mit Alternativimpfstoffen Profit zu machen. Aber weiterhin fallen viele Eltern darauf herein, weil sie unkritisch den Panikmachern glauben.

Die Folge davon ist, dass es mehr und mehr Masernausbrüche in der Westlichen Welt gibt, wo diese Krankheit früher als praktisch ausgerottet galt. Die Masern können tödlich sein und an diesem Unfug sterben tatsächlich Kinder. Oft genug nicht die Kinder der Impfgegner. Es kam auch schon vor, dass ein ungeimpftes Kind die Masern kriegte und dann im Wartezimmer des Kinderarztes einen Säugling ansteckte. (Säuglinge kann man noch nicht impfen, die Impfung ist erst ab 12 Lebensmonaten sicher.) Das Baby verstarb, während das größere Kind „nur“ eine schmerzhafte Krankheit durchleben musste.

Und hier greift Cliffords Konzept der epistemischen Verantwortung: Wenn das Wort „schlecht“ irgendeine Bedeutung haben soll, dann sind Eltern, deren Handlungen den Tod von Kindern verursachen, schlecht. Aber entscheidend ist, dass Impfgegner nicht böse sind. Die möchten nicht, dass irgendwer stirbt. Die lieben ihre Kinder genauso wie gute Eltern. Die wollen, dass es ihren Kindern gut geht. Gerade deshalb lehnen sie ja die Impfung ab, die sie zu Unrecht für gefährlich halten.

Ihr falsches Verhalten ist also nicht die Frage von unmoralischer Haltung, sondern von einem Irrglauben. Impfgegner haben eine falsche Vorstellung von der Welt. Und diese verursacht das Leid. In dem Moment, wo sie einem Irrglauben aufsaßen, wie das Universum funktioniert, konnten alle guten Vorsätze der Welt sie nicht mehr retten.

Nun haben wir aber einen Einfluss auf unseren Glauben. Glaube ist nichts, was man einfach entscheiden könnte. Wenn Sie mir das nicht glauben, machen Sie das Experiment: Steigen Sie auf ein Hochhaus, stellen Sie sich an den Rand des Daches, schauen Sie diese vielen Stockwerke herunter und versuchen Sie, sich selbst durch reine Willenskraft davon zu überzeugen, es gäbe keine Schwerkraft. Das wird Ihnen nicht gelingen. Kein geistig gesunder Mensch könnte das. Unsere Überzeugungen sind eine Folge von den Informationen, die wir aufnehmen.

Was wir aber kontrollieren können, ist, wie kritisch wir unsere Überzeugungen hinterfragen und die Überzeugungen jener, die uns neue Ideen geben wollen. Wie sorgsam wir neue Informationen (z. B. Schlagzeilen) überprüfen, das können wir sehr wohl beeinflussen und das kann man auch üben.

Und hier setzt William Kingdon Clifford ein: Weil unfundierte Annahmen zur Katastrophe führen können, erklärt er es zu einer moralischen Frage, ob jemand darauf bedacht ist, gute Belege für seine Glauben einzufordern. In Die Ethik vom Glauben schreibt er: „Es ist falsch, immer, überall und für jeden, irgendetwas zu glauben ohne hinreichende Belege.“ (Englisch: „It is wrong always, everywhere, and for anyone, to believe anything upon insufficient evidence.“). In diesem Weltbild ist Rationalität nicht einfach nur nützlich, sondern eine moralische Notwendigkeit.

Das ist epistemische Verantwortung. Wie schwer diese Verantwortung wiegen sollte, ist aus aktuellem Anlass ein mehr und mehr diskutiertes Thema. Vielleicht ist sie die wichtigste Lektion im Umgang mit dem Internet. Vielleicht verlangt man Menschen damit aber auch etwas Übermenschliches ab. Diese Diskussion ist bei weitem nicht abgeschlossen, aber sie begann mit William Kingdon Clifford – einem genialen Mathematiker, der ganz nebenbei einen wichtigen Aufsatz über Ethik schrieb.

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