Stanislaw Petrow, Retter der Welt

Name: Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow (russisch: Станислав Евграфович Петров)

Auch bekannt als: der Mann, der die Welt rettete

Lebensdaten: 7. September 1939 in Tschernigowka bei Wladiwostok bis 19. Mai 2017 in Frjasino bei Moskau

In aller Kürze: Praktisch alle Menschen, die heute in der Welt leben, verdanken ihr Leben der Vernunft und Umsicht Stanislaw Petrows, welcher am 26. September 1983 einen Atomkrieg zwischen den USA und der UdSSR verhinderte.

Im Detail: Mehr und mehr Menschen (der Autor dieses Textes darunter) sehen den 26. September als höchsten Feiertag des Jahres an – Petrow-Tag zu Ehren Stanislaw Petrows, der am 26.09.1983 die Zerstörung der Welt verhinderte. Schließlich muss man erst am Leben sein, bevor man irgendetwas anderes feiern kann.

Wie konnte es dazu kommen? Bevor jemand die Welt retten kann, muss sie erst einmal gefährdet sein. Und diese Gefahr nahm ihren Angang im Jahre 1945, als an der so genannten Trinity Site die USA die erste Atombombe des Planeten zündeten.

Der leitende Wissenschaftler J. Robert Oppenheimer berichtete später, was er dachte, als er die Explosion sah:

„Wir wussten, die Welt wäre nicht mehr dieselbe. Einige Leute lachten, einige weinten, die meisten schwiegen. Ich dachte an die Passage aus der Hindu-Schrift, der Bhagavad-Gita. Vishnu versucht den Prinzen zu überzeugen, seine Pflicht zu tun, und um ihn zu beeindrucken, nimmt er seine vielarmige Gestalt ein und sagt: ‚Ich bin nunmehr der Tod, Zerstörer von Welten.‘ Ich vermute, wir alle dachten das, auf die eine oder andere Weise.“

(Im Original: „We knew the world would not be the same. A few people laughed, a few people cried, most people were silent. I remembered the line from the Hindu scripture, the Bhagavad-Gita; Vishnu is trying to persuade the Prince that he should do his duty and, to impress him, takes on his multi-armed form and says, ‘Now I am become Death, the destroyer of worlds.’ I suppose we all thought that, one way or another.“)

Wirklich drastisch wurde die Lage jedoch erst, als die Sowjetunion 1949 ebenfalls über Kernwaffen verfügte. Was folgte, war ein beispielloses Aufrüsten beider Seiten, das in einem Zustand kumulierte, den Donald Brennan als wechselseitig versicherte Vernichtung (englisch: mutually assured destruction, was die Abkürzung MAD ergibt, „verrückt“.) bezeichnete.

Die Idee dahinter: Keine Seite kann die andere angreifen, weil beide sich zusichern, dass der Gegenschlag den jeweiligen Angreifer vollkommen vernichten wird.

Dazu gehört auch das Konzept des Overkills – der Übertötung, also der Fähigkeit, das gegnerische Land gleich mehrfach auszuradieren. Denn das erste, was eine Seite mit ihren Atombomben tut, ist die Kernwaffen des Gegners zu vernichten, um dem Gegenschlag zu entgehen. Wenn eine Seite also den Gegner gleich zwanzigmal auslöschen kann, kann sie 19/20 ihrer Waffen verlieren und die wechselseitig versicherte Vernichtung bleibt bestehen.

Ironischerweise verhinderte dieses nukleare Patt einen großen Krieg zwischen den beiden Supermächten. Man muss durchaus eingestehen, dass die nukleare Abschreckung die längste Friedensperiode der europäischen Geschichte sicherte. Als friedensstiftende Maßnahme ist sie aber natürlich sehr riskant, weil sie auf menschliches oder technisches Versagen mit absoluter Gnadenlosigkeit reagiert.

Und das bringt uns ins Jahr 1983. Im Jahre 1983 befand sich dieses Gleichgewicht des Schreckens unter der Leitung zweier Männer, die damit nicht gerade verantwortungsbewusst umgingen:

Auf sowjetischer Seite war das Juri Andropow (russisch: Юрий Андропов). Der war zu diesem Zeitpunkt bereits 69 Jahre alt und schwer krank (er würde im folgenden Jahr versterben). Vor allem gehörte er zur alten Garde der UdSSR und war fest davon überzeugt, der Westen würde bald einen Vernichtungsschlag gegen die Sowjetunion führen.

Auf der Seite der Amerikaner war es Ronald Reagan, der große Muskelspieler. Um vor seinen Republikanern erfolgreich dazustehen, provozierte er die Sowjets, so viel er konnte. Die Sowjets hielten das für die Vorbereitung für einen Krieg und nicht bloßes Säbelrasseln.

So kam es auch dazu, dass die sowjetische Luftwaffe am 1. September 1983 das südkoreanische Zivilflugzeug Korean Air Lines Flight 007 abschoss, das versehentlich den Luftraum der UdSSR verletzte. In der aufgeheizten Stimmung hielt man es für einen Angriff.

Außerdem wollte die Nato in jenem Jahr die Übungsmission Able Archer 83 durchführen. (Sie fand erst ab dem 2. November statt, war aber schon lange vorher in Planung.) Dieses Szenario war derart realistisch gestaltet, dass die Sowjets nicht ganz zu Unrecht dachten, man könne mit wenigen Minuten letzter Änderung einen echten Krieg daraus machen.

Hinzukommt natürlich, dass die erklärte Militärdoktrin der Sowjets durch die wechselseitig versicherte Vernichtung geprägt war und daraus in dieser angespannten Lage die Prämisse resultierte: Wenn jetzt irgendein Angriff kommt, wird sofort mit allem zurückgeschlagen, was wir haben.

Und dieser Angriff kam am 26. September 1983. Zumindest kam er scheinbar. An jenem schicksalhaften Tag hatte Oberst Stanislaw Petrow das Kommando über das sowjetische Frühwarnsystem. Um 0:15 Ortszeit meldete das System über den Spionagesatelliten Oko Raketenstart aus den USA – eine einzige Rakete.

Und an dieser Stelle zeigt sich, wie wichtig es war, dass Petrow das Kommando hatte, obwohl er an dem Tag eigentlich keinen Dienst hatte und nur in Vertretung anwesend war. Denn während alle um ihn herum in Panik gerieten, behielt Petrow die Ruhe. Er stellte fest, dass ein Angriff mit nur einer Rakete strategisch unsinnig war, und obwohl das Satellitensystem über einen vielstufigen Prozess die Meldung bestätigte, ordnete Petrow die Meldung korrekt als Fehlalarm ein.

Er hatte seinem Vorgesetzten dies gerade gemeldet, als die nächste Rakete gemeldet wurde, und die nächste, und die nächste…

Am Ende befanden sich laut Frühwarnsystem fünf Interkontinentalraketen auf dem Weg in die Sowjetunion. Während alle Alarmsirenen einen Start nach dem nächsten anzeigten und die sowjetische Führung jederzeit mit dem Angriff des Westens rechnete, behielt Petrow die Ruhe und Vernunft und entschied entgegen der Vorschriften, den Vorfall weiterhin als Fehlalarm einzustufen, weil ihm der Angriff mit auch fünf Raketen strategisch unsinnig vorkam. Er gab die Meldungen gar nicht mehr nach oben weiter.

Hätte der Offizier nach Vorschrift und Plan gehandelt und seine Befehle befolgt, hätte jemand mitten in der Nach Juri Andropow geweckt und der hätte dann noch wenige Minuten gehabt (die Raketen sind ja nicht ewig unterwegs), um zu entscheiden, ob das jetzt der Angriff sei, mit dem er täglich rechnete.

Aller Wahrscheinlichkeit nach hätte die Sowjetunion umgehend mit ihrem gesamten Nuklearwaffenarsenal einen vermeintlichen Gegenschlag ausgeführt. An dieser Stelle hätte die unerbittliche Zwangsläufigkeit der wechselseitig versicherten Vernichtung gegriffen und der Westen hätte ebenfalls mit all seinen Kernwaffen zurückgeschlagen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Welt etwa 40.000 nukleare Sprengköpfe mit einer Gesamtsprenglast von etwa 13.000 Megatonnen.

Um das einzuordnen: Wir halten die Hiroshima-Bombe oft für eine besonders mächtige Bombe, weil sie innerhalb weniger Sekunden über 100.000 Menschen tötete oder tödlich verletzte. Tatsächlich war sie eine der ersten und daher eine sehr kleine Atombombe. 13.000 Megatonnen sind 870.000 Hiroshima-Bomben.

Oder anders ausgedrückt: Das entspricht dem 4.300-fachen sämtlicher Bomben und Granaten, die von allen Armeen zusammengenommen in allen sechs Jahren des Zweiten Weltkriegs verschossen wurden – der verheerendste Krieg aller Zeiten, wegen (wie sich später herausstellte) einer ungewöhnlichen Konstellation von Sonnenwinkel und Satellit, die der sowjetische Spionagesatellit als Raketenfeuer auffasste.

Deshalb ist der 26. September der Tag, an dem man den Menschen eine Freude bereiten sollte, die das Leben lebenswert machen. Und vor allem sollte man darauf verzichten, die Welt zu zerstören…

3 Kommentare zu „Stanislaw Petrow, Retter der Welt

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