Gerhard Mercator, Erfinder der Mercator-Projektion

Name: Gheert Cremer (latinisiert: Gerardus Mercator („Mercator“ = „Kaufmann“); deutsch: Gerhard Krämer; verbreitete, deutsch-lateinische Mischform: Gerhard Mercator)

Lebensdaten: 5. März 1512 in Rupelmonde, Flandern bis 2. Dezember 1594 in Duisburg

In aller Kürze: Gerhard Mercator war ein absolut begnadeter Kartograf und Globenhersteller im 16. Jahrhundert. Er entwickelte eine Form der Projektion, mit der er den runden Erdball auf ein flaches Blatt Papier bringen konnte. Die nach ihm benannte Mercator-Projektion ist bis heute ein Standard in nautischen Weltkarten. Außerdem schuf er den Begriff „Atlas“.

Im Detail: Wenn man die Erde auf einer Landkarte darstellen möchte, stößt man unweigerlich auf ein Problem: Es ist eigentlich unmöglich. Weil der Planet eben rund ist, ist es mathematisch unmöglich, ihn ohne Verzerrungen auf ein flaches Blatt Papier zu bringen. Deshalb stellt sich immer die Frage, wie man diese Projektion durchführt, was einem wichtig ist und was durch die Verzerrung verfälscht werden darf. Und die bekannteste Lösung dieses Problems geht auf Gerhard Mercator zurück.

Dieser wichtige Kartograf stammte aus einfachem Hause: Er wurde 1512 als siebtes Kind seiner Eltern in der Nähe von Antwerpen in Flandern geboren, welches damals übrigens unter der Herrschaft der österreichischen Herrscherfamilie der Habsburger stand (die Gebietsansprüche im Feudalismus sind aus heutiger Sicht etwas seltsam). Getauft wurde der Junge auf den Namen Gheert, von seinem Vater Hubert erhielt er den Nachnamen Cremer. Sein Vater war ein armer Schuhmacher, sein Onkel Gisbert war als Dorfpriester schon etwas höher angesehen.

Cremer ging ab sieben Jahren in die Schule und erhielt zunächst eine einfache Bildung und wäre unter diesen Umständen wohl kaum Kartograf geworden. Als sein Vater aber 1526 verstarb, wurde sein Onkel Gisbert zu seinem Vormund. Dieser schickte Cremer an eine angesehene und gute Schule – vor allem, weil er hoffte, der Junge könnte sich dann auch für die Priesterschaft entscheiden. An dieser Schule wurde er nicht nur in Fächern wie Philosophie und Rhetorik unterrichtet, sondern auch in zwei Gebieten, die für uns von Bedeutung sind: Zunächst einmal erlernte Gheert Cremer die lateinische Sprache fließend zu schreiben und zu sprechen, und gab sich in Folge dessen seinen latinisierten Namen Gerardus Mercator, unter dem er bis heute bekannt ist. Vor allem aber lernte er hier auch die Geografie als Fach kennen.

Dennoch kann man nicht sagen, von dort wäre sein Weg direkt zur Kartografie gegangen. Ganz im Gegenteil: Als sehr kluger Schüler konnte er an der Universität von Löwen studieren, deren Lehrfächer sehr viel weniger praxisnah waren. Die vier zentralen Fächer waren: Theologie, Medizin, Römisches Recht und Kirchenrecht. Die meisten Studenten spezialisierten sich nach dem Grundstudium auf eins (oder mehrere) dieser vier. Mercator war ein fleißiger und erfolgreicher Student und unterhielt trotz seiner armen Herkunft Kontakte zu vielen Kommilitonen aus reichem Hause. Sein Onkel Gisbert konnte also weiterhin darauf hoffen, sein Neffe würde ihm in den Klerus folgen.

Und an dieser Stelle verdanken wir ein wichtiges Verfahren der Geografie der Tatsache, dass junge Leute nicht immer tun, was die Alten von Ihnen möchten. Weil Mercator klug genug war, um erhebliche Widersprüche in dem, was ihm beigebracht wurde, zu erkennen, war er unzufrieden und suchte sich einen neuen Lebensweg. Er verließ die Universität und Löwen, und gab sich für zwei Jahre der Philosophie und dem Bibelstudium hin – so machte man damals Selbstfindung. Bei seinem Studium der Bibel verglich er deren Geschichten auch immer wieder mit der Geografie, was für seinen weiteren Lebensweg entscheidend werden sollte.

(Für diejenigen Leser, die sich fragen, was es da zu vergleichen gäbe: Gerade das Neue Testament schildert die Bewegungen von Jesus häufig auf eine Weise, die keinerlei Sinn ergibt, wenn man sie auf der Karte des Nahen Ostens nachvollzieht. Je nachdem, welche Interpretation man bevorzugt, ist das entweder ein Zeichen von (a) Überlieferungsfehler, (b) Bibelautoren, die nie selbst in jener Gegend waren, oder (c) bewusste Abweichungen aus symbolischen Gründen, um Allegorien zu vermitteln. Man beachte, dass sich diese Optionen nicht gegenseitig ausschließen und dass unterschiedliche Ungereimtheiten unterschiedliche Ursachen haben könnten. Da konnte sich Gerhard Mercator also durchaus länger mit befassen.)

In dieser Lebenspause stand er auch in Kontakt mit einem Mönch namens Franciscus Monachus (ja, sein Nachname war bloß das lateinische Wort für Mönch), der sich ebenfalls für Globen und Karten begeisterte. 1534 kehrte Mercator dann nach Löwen zurück, studierte jetzt aber Geografie, Mathematik und Astronomie. Anfangs völlig überfordert, konnte er mit großem Einsatz und persönlicher Nachhilfe das Studium innerhalb von zwei Jahren abschließen.

Dabei erlernte er auch den Bau von mathematischen Instrumenten und war an der Konstruktion eines wichtigen Globus beteiligt, wenn auch nur als ausführende Hand der Köpfehinter dem Projekt (Gemma Frisius und Gaspar Van der Heyden). Trotzdem wurde er an den Erlösen des Verkaufs der Globen beteiligt, die als Kopien dieses Meisterwerks erzeugt wurden. Globen waren damals sehr teuer und Mercator konnte von diesen Einnahmen durchaus gut leben. Als Mann mit einem sicheren Einkommen konnte er heiraten und eine Familie gründen. (Mit seiner ersten Ehefrau zeugte er sechs Kinder.) Damals war Flandern katholisch, sodass für einen Ehemann und Vater der Weg zum Klerus nun endgültig ad Acta gelegt war. Mercator entschied sich für einen anderen Beruf.

Nach solchen Erfolgen ist es wohl nicht verwunderlich, dass Gerhard Mercator der Kartografie erhalten blieb. Er hatte bei der Arbeit an seinem ersten Globus natürlich auch viele Methoden gelernt, die Gemma Frisius anwendeten, um an seine Daten zu kommen. Im 16. Jahrhundert war das schließlich nicht so einfach wie heute. Man musste viele Einzelkarten vergleichen und zusammenfügen, Experten der Geografie ebenso befragen wie Seeleute usw.

Schon 1537, mit 25 Jahren, setzte Mercator diese Fähigkeiten um, als er eine hochwertige Karte des heutigen Israels veröffentlichte. Damit war er als begabter Kartograf etabliert. Diesen Ruf würde er die nächsten Jahre mit einer Vielzahl von Globen und Karten verteidigen und mehren.

Doch bevor es zu der Weltkarte kommt, die Gerhard Mercator zu unserem Unprominenten macht, traf noch eine Katastrophe ein. 1543 wurde der Kartograf vor Gericht angeklagt, Lutheraner zu sein. Auch wenn Mercator recht modern dachte und in seinem Studium die Lehrmeinungen seiner theologischen Professoren öfter anzweifelte, war diese Anklage schlichtweg haltlos. Hier ging es für die Inquisition um nichts weniger als ein Exempel zu statuieren an einer bekannten Person, die sie (ohne Beweise) als lutherischen Ketzer ansahen. Als er verhaftet werden sollte, befand sich Mercator zufälligerweise in seinem Geburtstort Rupelmonde, weil sein Onkel Gisbert verstorben war. Die Inquisition nutzte ihren Misserfolg direkt aus, um den Kartografen als flüchtigen Verbrecher zu titulieren und dessen Flucht als Schuldeingeständnis zu verbuchen.

Er wurde in Rupelmonde verhaftet, obwohl es keinerlei Beweise gegen ihn gab. Wegen dieses Mangels an Beweisen wurde Mercator dann auch freigelassen – nach sieben Monaten erst, obwohl der Mangel sehr bald aufgefallen sein muss. Vermutlich wurde er nur wegen seiner Bekanntheit und wegen mächtiger Gönner überhaupt freigelassen. Die Inquisition ging zu dieser Zeit sehr brutal vor. Zusammen mit Mercator wurde mehrere dutzend andere verhaftet und gefoltert, von denen unter anderem zwei Männer verbrannt wurden, einer enthauptet, und zwei Frauen lebendig begraben.

Diesem Schicksal entronnen kehrte der Kartograf nach Löwen zurück und nahm sein Handwerk wieder auf. Er fertigte sogar Globen für den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. (Auch deshalb eine wertvolle Einnahmequelle, weil Kaiser Karl V. sie mit sich in den Krieg nahm und sie dabei prompt kaputt gingen, wodurch Mercator direkt den nächsten Auftrag für einen zweiten Satz bekam.) Mercators Karriere war also wohl etabliert.

Mit vierzig Jahren (1552) zog er dann auf Einladung des dortigen Herzogs nach Duisburg um, wo er den Rest seines Lebens wohnen sollte. Die religiösen Verfolgungen in seiner Heimat waren wohl ein Faktor, der zu dieser Entscheidung führte.

In Duisburg konnte sich Gerhard Mercator rasch als angesehener Fachmann etablieren. Der Herzog hatte ihn direkt zum Professor für Kosmografie ernannt. (Dieses Fach sollte eine Art Synthese aus Kartografie und Astronomie sein. Mercator war dafür wie geschaffen, gehörten zu seinem vielen Globen doch auch Himmelsgloben.)

Die weiteren Karten und Globen, der er anfertigte, könnten eigene Artikel verdienen; der richtig große Wurf gelang Mercator aber mit seiner Weltkarte von 1569.

Die Mercator-Projektion

Um diese Karte zu erstellen, entwickelte Gerhard Mercator eine Lösung für ein altes Problem der Kartografie, das ich oben schon ansprach: Es ist schlichtweg unmöglich, die sphärische Erdoberfläche auf ein flache Blatt Papier zu bringen, ohne das Bild zu verzerren. Es werden immer entweder Formen oder Flächeninhalt oder beides verfälscht. Die Frage ist also, welches Ziel man verfolgt und welche Projektion man wählt, um das Bild der runden Erde auf das flache Papier zu bringen.

Mercator entwickelte dafür eine neue Methode, die wir nach ihm Mercator-Projektion nennen. Am besten stellt man sich das wirklich als Projektion vor, wie man ein Bild mit einem Projektor wirf. Stellen Sie sich vor, dass man einen durchsichtigen Globus in einen Zylinder aus Papier steckt, der den Äquator berührt (nächstes Bild, links). Dann setzt man eine Lichtquelle in den Erdmittelpunkt. Das Licht, das auf einen Punkt auf der runden Oberfläche fällt, wirft einen Schatten auf dem Zylinder. Dort zeichnet man den Punkt ein (Mitte). Punkte am Äquator landen auf der Mitte der Karte. Geht man zu den Polen, landet der Punkt oben bzw. unten – aber nicht gleich weit. Weiter zu den Polen fallen die Punkte immer extremer von der Mitte entfernt. Nord- und Südpol am Ende landen gar nicht mehr auf der Projektion, sondern unendlich weit entfernt (rechts).

Zur Erinnerung: Projektion von der Kugel auf die Fläche ist immer mit Verlusten verbunden. Im Falle der Mercator-Projektion werden Flächen umso mehr verzerrt, je weiter sie vom Äquator weg liegen. Schneiden wir unseren gedachten Zylinder auf und legen ihn als Karte auf den Tisch, erhalten wir etwas, was in etwa so aussieht:

(©Miaow Miaow, den Wikimedia Commons entnommen.)

Die Flächen auf dieser Karte kommen überhaupt nicht hin. Das beliebteste Beispiel ist, dass Grönland so aussieht, als wäre es in etwa so groß wie Afrika. In Wirklichkeit ist Afrika 14-mal größer als Grönland.

Deshalb steht die Mercator-Projektion in den letzten Jahren ziemlich in der Kritik. Gerade die scheinbar geringe Größe Afrikas könnte imperialistische Denkweisen unterstützen. In der Jetztzeit könnte das sogar sehr gut sein, und vielleicht sollte man Weltkarten in dieser Projektion heutzutage kritisch überdenken. Gerhard Mercator kann man das aber nicht anlasten.

Und zwar aus zwei Gründen: Zunächst einmal entstand dieses Verfahren 1569. Damals war Europa so etwas wie das primitive Anhängsel von Asien. Die Welt und ihr Wohlstand wurden weitestgehend von Indien und China dominiert. Und die Kolonien, die Europa hatte, gehörten vor allem Spanien und Portugal, zu denen Mercator in Duisburg keine Verbindungen hatte.

Vor allem aber waren Gerhard Mercator die Landmassen nicht sonderlich wichtig. Das verstehen heute viele an der Mercator-Projektion falsch: Sie wurde nicht für Landmassen entwickelt, sondern für Seewege. Die Fläche der Länder spielte hier keine Rolle. Es geht darum, auf den Ozeanen navigieren zu können.

Und hier zeigt sich die Brillanz der Weltkarte, die Gerhard Mercator entwickelt hat. Nicht nur bilden Längen- und Breitengerade auf ihr gerade Linien, wodurch auf der Karte nach oben an jedem Punkt nach Norden bedeutet, nach unten an jedem Punkt nach Süden, nach links nach Westen und nach rechts nach Osten. Dieses Ausbreiten das Norden und Süden (dass Punkte immer noch weiter von der Mitte landen, je weiter sie zu den Polen liegen), hat einen großartigen Vorteil für die Seefahrt. Wenn man nämlich von einem Punkt zu einem anderen will, dann muss man die beiden nur mit einer Linie auf der Karte verbinden. Dieser Linie kann man folgen, indem man immer den gleichen Winkel zu den Breitengerade einhält. Damit kommt man sicher ans Ziel.

Dieser Weg ist nicht der kürzeste. Er sieht auf der Projektion wie eine Gerade aus, ist auf der Erdkugel aber ein kurvenförmiger Umweg. Aber mit den technischen Mitteln des 16. Jahrhunderts konnte man ihm leicht folgen. (Man beachte, dass mit den damaligen Methoden es nicht möglich war, seinen Längengrad auf See zu bestimmen. Diese sogenannte Längenproblem sollte erst 1750 durch John Harrison gelöst werden.)

Und deshalb war die Mercator-Projektion so ein Erfolg. Wegen der Bedeutung der Seefahrt für den Handel und die Kriegsmarine. Bis heute ist sie der Standard bei nautischen Weltkarten. Für Landkarten wenden professionelle Kartografen sie wegen ihrer starken Verzerrungen allerdings kaum noch an. Sie nutzen andere Projektionen, die für Landflächen besser geeignet sind.

Trotzdem wird die Mercator-Projektion in einem Gebiet immer noch viel auf Landkarten angewendet: Digitale Dienste nutzen sie oft. Der Grund dafür ist vermutlich, dass ihre Koordinaten mathematisch sehr leicht zu programmieren sind.

Mercators weiteres Leben

Gerhard Mercator war auch danach noch als angesehener Kartograf und Globenbauer tätig, wobei er zunehmenden planend und theoretisch arbeitete, und im Alter das praktische Handwerk doch lieber seinen Söhnen und Enkeln überließ. Bei dieser Arbeit erfand er auch den Begriff Atlas für eine Kartensammlung, abgeleitet vom Titanen, der in der griechischen Sagenwelt die Welt trägt.

Nachdem seine Frau 1586 verstorben war, heiratete er 1589 eine reiche Witwe – im Alter von 77 Jahren. (Sein Sohn heirate übrigens ihre Tochter.)

Gerhard Mercator starb 1594 in Duisburg, wo es bis heute Denkmäler für ihn gibt. Während er in der Kartografie eine Legende bleibt, kennt der Rest der Welt ihn kaum. Weil das Wort „Mercator“ eben „Kaufmann“ heißt, gibt es sogar viele, denen gar nicht klar ist, dass die Mercator-Projektion zwar ungemein wertvoll für die Überseekaufleute war, aber nicht danach, sondern nach ihrem Erfinder benannt ist – einem Mann aus armen Verhältnissen, der Genie und Glück genug hatte, zu den großen Geistern seiner Zeit aufzusteigen.

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