Waldemar Bonsels, Erfinder der Biene Maja und Antisemit

Name: Jakob Ernst Waldemar Bonsels

Lebensdaten: 21. Februar 1880 in Ahrensburg bis 31. Juli 1952 in Ambach am Starnberger See

In aller Kürze: Waldemar Bonsels war ein Schriftsteller der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Einerseits schuf er die berühmte Biene Maja und erfreute damit die Kinder der Nation. Andererseits war er krasser Antisemit und unterstützte die Nazis. Was ist also von seinem Werk zu halten?

Im Detail: Waldemar Bonsels wurde am 1880 in Ahrensburg in Schleswig-Holstein geboren, das schon damals zur Metropolregion Hamburg gehörte. Er wechselte in jungen Jahren häufig den Wohnort. Sein Vater Reinhold Bonsels war zu Waldemars Geburt Apotheker, nahm die Familie aber 1884 nach Berlin mit, um dort Zahnmedizin zu studieren. 1890 ging es wieder nach Schleswig-Holstein, wo Reinhold Bonsels in Kiel eine Zahnarztpraxis betrieb. Dort besuchte der jugendliche Waldemar die Oberrealschule. Diese Zeit war sehr schwierig für Waldemar Bonsels. Sein jüngerer Bruder wurde 1893 von einem anderen Jugendlichen erschossen. Waldemar schaffte auch das Abitur nicht und ging 1896 ohne Abschluss ab.

1898 zog die Familie dann nach Bielefeld, als der Vater eine Anstellung an einer diakonischen Einrichtung dort annahm. In der neuen Heimat konnte Bonsels eine kaufmännische Ausbildung erfolgreich abschließen. Anschließend arbeitete er zunächst in einer Druckerei in Karlsruhe, vernahm dann aber den Ruf, Missionar zu werden. Er ließ sich zum Missionskaufmann ausbilden und ging 1903 nach Indonesien, das damals noch Niederländisch-Indien hieß. Diesen Plan hielt er aber nur bis 1904 durch, weil er mit dem Missionswerk und dessen Arbeit sehr unzufrieden war.

Wieder in Deutschland ging Bonsels nach München und gründete mit drei Freuden den Verlag E. W. Bonsels und Co. In den nächsten Jahren heiratete Bonsels, ließ sich wieder scheiden, und heiratete erneut. Von beiden Frauen hatte er je zwei Söhne.

Bedeutend wurde sein Leben 1912, als er Die Biene Maja und ihre Abenteuer veröffentlichte. In dem Jahr zog er sich auch aus dem von ihm mitgegründeten Verlag zurück, vermutlich weil Die Biene Maja bei einem anderen Verlag herauskam. 1915 erschien die Fortsetzung Himmelsvolk. Ein Märchen von Blumen, Tieren und Gott. Diese Werke waren sehr erfolgreich. Sie wurden in dutzende Sprachen übersetzt. Und Waldemar Bonsels wurde ab dem 1920ern zu einem der erfolgreichsten Schriftstellern Deutschlands.

Zwischen 1912 und den 1920ern lag aber ein Ereignis, das uns einiges darüber zeigt, was Bonsels für ein Mensch war: der Erste Weltkrieg.

Denn Waldemar Bonsels war Nationalist und Militarist, der diese Überzeugung auch noch fleißig zu seiner persönlichen Bereicherung nutzte. Er arbeite erst als Kriegsberichterstatter und später direkt für die Oberste Heeresleitung. Von dem Geld, das er damit verdiente, kaufte er sich 1918 ein Haus in Ambach am Starnberger See, wo er bis zu seinem Tode leben sollte – allerdings ohne seine Familie. Bonsels hatte beschlossen, keine Lust mehr auf seine Frau und seine Söhne zu haben, ließ sich scheiden und zog allein in den Süden. Dort begann er ein Verhältnis mit einer Tänzerin und zeugte außerehelich einen Sohn mit ihr.

Abgesehen von einer gescheiterten Expedition nach Brasilien war Bonsels in der Weimarer Republik sesshaft und vor allem eben erfolgreicher Autor. Im Dritten Reich gesellte sich zu seinem Nationalismus und Militarismus noch eine weitere Verdorbenheit: Bonsels war auch extremer und offener Antisemit. Bei seiner Vergangenheit als Missionar ist ein gewisses Maß an Antisemitismus vielleicht nicht überraschend (die evangelische Kirche war damals noch sehr viel stärker an Luther orientiert, welcher lauter Antisemit war), aber Bonsels war selbst dafür extrem. Er betrachtete den Juden als „einen tödlichen Feind“, einen Vergifter der Kultur und wollte die Deutschen vor dem angeblich überhandnehmenden Einfluss des jüdischen Wesens schützen.

Ob Bonsels Nationalsozialist war, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Nicht all seine Schriften gefielen den neuen Machthabern und er war vor der Machtübernahme kein großer Unterstützer der NSDAP gewesen. Aber auf Grundlage seines Judenhasses schaffte es Bonsels, sich schnell mit den Nazis zu verbünden. Er durfte weiterhin publizieren und nutzte diese Freiheit auch, um in Zeitungsartikeln und Büchern gegen Juden zu hetzen. Seine Lesereise nach Amerika Anfang der 1930er zeigt recht deutlich, dass Bonsels problemlos hätte auswandern können. Hier gab nicht etwa jemand einem unüberwindlichen Zwang nach. Er blieb aus freien Stücken in Deutschland und wirkte an der Nazi-Ideologie mit.

In der Nachkriegszeit erhielt er dafür zunächst Schreibverbot, das später aufgehoben wurde. Viel sollte Bonsels aber eh nicht mehr tun. Er erkrankte 1949 an Krebs. Er heiratete 1950 noch seine langjährige Lebensgefährtin, vielleicht um nicht ledig zu sterben oder ihr ein unanfechtbares Erbe zu sichern. Waldemar Bonsels starb am 31. Juli 1952, aber die Biene Maja lebt weiter – erstrecht seit sie 1975 als Zeichentrickfigur über die Bildschirme flog.

Dieser Erfolg der Biene Maja wirft zusammen mit Bonsels’ Einstellungen und Lebenslauf die Frage auf: Wie geht man mit den guten Werken furchtbarer Künstler um?

Die klassische Antwort dazu hat zwei Aspekte: den künstlerischen und den ökonomischen.

Aus der Perspektive der Kunst, hat der Charakter des Autors keinen Einfluss auf die Bedeutung des Textes. Die Standardformulierung besagt, der Autor sei tot. Das ist nicht wörtlich gemeint (auch wenn Bonsels tatsächlich tot ist), sondern soll bedeuten, dass es keinen Unterschied machen sollte, ob der Autor noch gefragt werden kann, was er sich bei seinem Werk dachte. Seine Meinung zu seinem Text sollte keine Rolle spielen.

Ein gutes Beispiel wäre folgendes: Wenn ein Affe zufällig auf einer Tastatur herumtippt, wird er bei unendlich langer Zeit alle Werke Shakespeares geschrieben haben. So funktioniert Wahrscheinlichkeit einfach – egal wie unwahrscheinlich, bei unendlichen vielen Versuchen kommt es trotzdem vor. Das ist natürlich ein rein fiktives Szenario. Aber stellen wir uns einfach vor, wir hätten so einen affengetippten Hamlet vor uns. Hier läge keinerlei Intention des Autors vor. Es wäre ein reines Zufallsprodukt. Und trotzdem wäre der Text Zeichen für Zeichen identisch mit jenem, den William Shakespeare mit Absicht schrieb.

Das Denken und Glauben des Schriftstellers können also keine Rolle spielen für die Bewertung des Textes. Dafür können wir uns nur an das halten, was in dem Werk tatsächlich steht. In dieser Hinsicht sind die antisemitischen Texte Bonsels’ schlecht, andere dagegen können nichts für ihren Schreiber. Die Biene Maja ist nicht antisemitisch, höchstens sehr subtil im Hintergrund. (Auch dass die Verfilmung eine deutsch-japanische Koproduktion war, dürfte hier reiner Zufall sein.)

Dazu kommt jedoch noch eine ökonomische Komponente: Ein Buch ist ja auch ein Produkt, dessen Erlöse durchaus in die falschen Hände geraten könnte. Auch das wäre im Fall von Bonsels weit hergeholt. Der Autor selbst ist seit Jahrzehnten verstorben und die heutigen Rechteinhaber zeigen keine nachweisbare Nähe zu Neonazis oder anderen Antisemiten. (Das Urheberrecht auf die Romane erlischt übrigens 2022, 70 Jahre nach Tod des Autors. Die Serie ist hiervon unbetroffen.)

Insofern ist die Biene Maja ein schönes Werk von einem verwerflichen Schreiber.

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