Richard Rennison, der letzte Ambosspriester

Name: Richard Rennison

Lebensdaten: 29. Oktober 1889 in Shankhouse, Northumberland, UK bis 5. August 1969 in Haltwhistle, Northumberland, UK

In aller Kürze: Seit dem 18. Jahrhundert flohen junge Paare aus England und Wales in das schottische Dorf Gretna Green, wo sie auch gegen den Willen ihrer Eltern heiraten konnten. Dort wurden sie von sogenannten Ambosspriestern vermählt. Und Richard Rennison war der letzte von ihnen, das Ende eine Ära.

Im Detail: Für junge Liebespaare gab es im England des späten 18. Jahrhunderts oft nur ein Ziel: die Ehe. In der damaligen Zeit waren außereheliche Beziehungen verpönt. Liebe und erstrecht Sex waren vor der Hochzeit nach öffentlicher Meinung sündenhaft. (Dass sie oft genug im Verborgenen trotzdem passierten, sollte sich von selbst verstehen.) Für viele Liebespaare war zu heiraten also sehr schnell der einzige Weg, ihre Beziehung weiterzuführen.

Doch was, wenn die Eltern dem nicht zustimmten? Volljährige mussten sich da nicht reinreden lassen, auch wenn es in der damaligen Gesellschaft nicht unbedingt klug war, sich gegen sein Elternhaus zu richten. Aber Minderjährige brauchten in England seit 1754 die Zustimmung ihrer Eltern. (Strenggenommen mussten die Eltern nicht zustimmen, sie durften nur kein Veto einlegen. Die Duldung reichte.) Als minderjährig zählte man in diesem Kontext, bis man 21 wurde, also noch mehrere Jahre, nachdem in den meisten Jugendlichen Romantik und Sexualität erwacht waren. Die Zahl der hoffnungsvollen Paare war also groß und das Veto der Eltern konnte ein Liebespaar in die Verzweiflung stürzen.

Das kommt uns heute vielleicht reichlich melodramatisch vor, aber beachten Sie bitte, dass (a) die Ehe wirklich der einzige Korridor für die romantische und sexuelle Entfaltung der Menschen war, den die Gesellschaft damals zuließ und mit harten Konsequenzen verteidigte; und (b) ein häufiger Grund für den dringenden Ehewunsch darin bestand, dass die Frau schwanger geworden war und die Eltern das auf keinen Fall erfahren sollten. Bis heute gibt es in einigen Gebieten in Deutschland das Gerücht, Kinder, die nach sieben Monaten geboren werden, hätten bessere Chancen als Frühchen, die nach acht Monaten geboren werden. In Wirklichkeit liegt das daran, dass eine Frau einen Monat braucht, um zu bemerken, dass sie schwanger ist, und es noch einen Monat dauert, im Eiltempo eine anständige Hochzeit auf die Beine zu stellen. Das Kind wurde dann offiziell direkt in der Hochzeitsnacht gezeugt und nach „sieben“ Monaten frühgeboren. Dass dieser Aberglaube sich bis heute in manchen Regionen hält, zeigt deutlich, vor wie kurzer Zeit außereheliche Liebe kritisch beäugt und außerehelicher Sex geächtet wurde.

Das Thema der Ehe zwischen Jugendlichen war also wirklich bedeutend. Doch für die verzweifelten Paare Englands, gab es einen Ausweg: Jenes Gesetz, das für Leute unter 21 die Ehe gegen den Willen der Eltern verbot, galt nämlich nicht im gesamten Vereinigten Königreich, sondern nur in England und Wales. In Schottland konnten sie weiterhin verheiratet werden – hier galt das aus heutiger Sicht absurd niedrige Alter der Heiratsfähigkeit von 14 Jahren für Jungen und 12 Jahren für Mädchen. Floh man also nach Norden und heiratete dort, dann konnte diese Ehe in der englischen Heimat nicht wieder geschieden werden. Genau dieselben gesellschaftlichen Zwänge, die diese Flucht nach Schottland nötig machten, erklärten nämlich auch die Scheidung für tabu.

Ein Zentrum dieser Eheschließungen wurde das Dorf Gretna Green, erstrecht nachdem 1770 eine gut befestigte Straße durch es führte. Es war das erste, leicht zu erreichende Dorf hinter der schottischen Grenze und hierhin flohen die heiratswilligen Jungpaare. Das kleine Dorf war auf diesen Ansturm natürlich überhaupt nicht vorbereitet, hatte keine entsprechenden Gebäude, um hunderte von Paaren jedes Jahr zu trauen. Dafür erforderte das schottische Recht aber auch weder Kirche noch Standesamt, um eine Vermählung zu vollziehen. Das Dorf hatte zwar keinen Trausaal, aber eine Schmiede. Eine Schmiede ist durch ihre Funktion bedingt ein großer, wetterfester Raum, in dem niemand wohnt, den man stören könnte. Außerdem musste der Eheeid vor einem schottischen Bürger abgelegt werden und der Schmied in einem schottischen Ort musste schottisches Bürgerrecht haben (aus juristischen Gründen, die hier keine Rollen spielen). So entstand weitestgehend ungeplant der Brauch, dass der örtliche Schmied die Trauung vollzog. Man nannte diese Schmiede, die die jungen Leute in den Bund der Ehe brachten, Ambosspriester. Und Richard Rennison war der letzte von Ihnen. Er ist also unser heutiger Unprominenter, weil er das Ende eine Ära markiert – ähnlich wie Gene Cernan als letzter Mann auf dem Mond.

Rennison kam aus einfachem Hause. Er wurde am 29. Oktober 1889 in Shankhouse in Northumberland geboren – also im äußersten Norden von England, aber noch nicht in Schottland. Sein Vater James war Bergwerker, seine Mutter Ann Hausfrau. Sein Weg zum Ambosspriester war nicht geradlinig. Er hatte eine ganze Reihe von kleinen Anstellungen, arbeitete als Fotograf, Sattler, Eisenwarenhändler und Schumacher. Außerdem war er zwischenzeitig Priester der Methodisten. Er selbst heiratete 1923 seine Braut Jessie Little. (Er war zu seiner eigenen Eheschließung also älter als 21 und von dem Verbot gar nicht betroffen, das ihm sein Geschäft einbringen würde.)

Im Jahr 1926 zog das Ehepaar nach Gretna Green. Dort arbeitete er zunächst als Sattler. Außerdem eröffnete er ein Café. Sonderlich erfolgreich kann Rennison mit diesen Unternehmen jedoch nicht gewesen sein, denn er nahm bald stattdessen seinen Job in der Schmiede an. Der vorherige Ambossprieser der Schmiede Old Blacksmith’s Shop, Hugh Mackie, wollte in den Ruhestand gehen. Mackie hatte diese Institution bereits 1890 aufgenommen und Ehen geschlossen. Nach 37 Jahren lag es ihm sehr am Herzen, einen gewillten und fähigen Erben zu finden. Die Metallbearbeitung hatte er 1900 angestellt, sodass er die letzten 27 Jahre ausschließlich Paare vermählt hatte. Mackie suchte also keinen Schmied, sondern jemanden, der die Verlobten sicher und ergreifend durch die Zeremonie führen konnte. Und das konnte Rennison ohne Frage. In Richard Rennison fand Mackie einen Nachfolger, Rennison fand in der Schmiede die Berufung seines Lebens.

Richard Rennison nahm seine neue Rolle als Ambosspriester sehr ernst. So war der nominelle Preis für seine Dienste 1 Pfund Sterling pro Zeremonie. (Das entspräche heute ca. 65 Pfund oder 75 €.) War aber ein Paar nicht in der Lage, diese Summe zu bezahlen, so verlobte er sie kostenlos. Dafür waren seinen Vermählungen derart ergreifend, dass viele Paare ihm auch freiwillig mehr zahlten – teilweise bis zu dem Zwanzigfachen.

Denn Rennison konnte und wollte seine Feierlichkeiten in vielen Punkten an die Wünsche und Bedürfnisse der Paare anpassen. Das lag daran, dass außerordentliche Eheschließungen in Schottland noch auf keltische Riten zurückging und nicht etwa die strikten Zeremonien der christlichen Kirche(n). Das einzige Element, welches zwingend erforderlich war, war der Eheeid vor Zeugen. Diese Zeugen waren im Zweifelsfall Rennison und dessen Ehefrau, auch wenn viele Paare eigene Zeugen mitbrachten. Zusätzlich zu diesem Eid band Rennison noch eine symbolische Handlung in seine Vermählungen mit ein: Er verkündete das Paar verheiratet mit einem Hammerschlag auf seinen Amboss.

Das war für den Ambosspriester nicht bloß irgendein Job, sondern eine Berufung, eine Lebensaufgabe. Seine Eheschließungen wurden sehr hochgeschätzt, weil er sich sehr bemühte, sie zu einem romantischen und bemerkenswerten Moment für ein Liebenspaar zu machen. Man kann sich vorstellen, dass er seine Tätigkeit durchaus als heilig ansah, auch wenn er nicht mehr als kirchlicher Priester diente. Als Rennison nach London in den Urlaub fuhr, nahm er seinen über 100 Kilogramm Amboss sogar mit, damit dieser nicht gestohlen werden konnte. Dieser war ihm anscheinend extrem wichtig, denn für den Kostenaufwand, das schwere Objekt zu transportieren, hätte er leicht einen neuen Amboss erwerben können. (Zur Einordnung: Heute kostet ein neuer Amboss zwischen 500 und 800 €. Nicht günstig, aber auch kein Vermögen für eine Geschäftsausgabe.)

Die andere Interpretation wäre, dass es nicht um den ideellen Wert ging, sondern eine Werbeaktion war. Denn Richard Rennison war auch sehr gut darin, seine Dienste bekannt und beliebt zu machen. Beispielsweise rechtfertigte er die Rechtmäßigkeit seine Eheschließungen mit dem schlagfertigen Spruch, er sei „kein Sünder“, weil Rennison rückwärts gelesen „no sinner“ ist.

Infolgedessen stieg die Zahl der Vermählungen, welche der Ambosspriester leitete, stetig weiter an. Über seine ganze Karriere summiert, sollte er über fünftausend Zeremonien leiten. Besonders 1939 gab es einen sprunghaften Anstieg, weil viele junge Männer noch heiraten wollten, bevor sie in den Zweiten Weltkrieg ziehen mussten.

Trotz dieses Erfolgs war Richard Rennison der letzte Ambosspriester, denn im nächsten Jahr endete diese jahrhundertealte Institution. Natürlich kann man auch heute noch in Gretna Green heiraten, aber die irreguläre Eheschließung wurde 1940 auch in Schottland abgeschafft.

Das Ende der Hochzeit auf der Flucht nach Gretna Green kam eigentlich nicht gerade überraschend. Praktisch die ganze Zeit über gab es einflussreiche Leute, die diese Praxis beenden wollten. Teilweise aus Gründen moralischer Empörung, teilweise aber auch, weil manchmal, wenn die Eltern sagen: „Ihr beide solltet auf keinen Fall heiraten“, sie auch einfach recht haben. Gerade weil Gretna Green so bekannt war und von so vielen romantisiert wurde, war es da natürlich der Vorzeige-Stein-des-Anstoßes. Schließlich konnte man genauso im ganzen Rest von Schottland heiraten, aber der Fokus lag meistens auf dem kleinen Dorf direkt hinter der Grenze.

Die erste hohe Hürde entstand durch die Erfindung des Telegrafen. Mit diesem konnten die Eltern nämlich voraustelegrafieren und ihre Zöglinge von der Polizei auf dem Weg abfangen lassen. (Tatsächlich gab es zuvor ein ganzes Subgenre der Liebesgeschichten in Form von Romanen, in denen die Protogonisten nach Gretna Green entkommen wollen. Die Erfindung des Telegrafen überlebte diese Literaturgattung nicht. Sie bildet damit das erste Genre, welches durch technischen Fortschritt abgeschafft wurde. Nur falls Sie sich fragen, warum es modernen Krimi- und Horrorfilmen so schwer fällt mit Handys umzugehen: Es kann sein, dass da viele Subgenres einfach nicht zu bewahren sind.)

Auch auf der juristischen Seite wurde reagiert, wenn auch sehr viel später, erforderte es doch eine Angleichung der Moralvorstellungen in England und Schottland. 1856 wurde ein Gesetz erlassen, durch das mindestens einer der beiden Partner mindestens 21 Tage in einer Kommune (in diesem Falle Gretna Green) gelebt haben musste, um dort heiraten zu können. Erst 1929 wurde das schottische Recht geändert, sodass nun immerhin beide Heiratswilligen mindestens 16 Jahre alt sein mussten. Zustimmung der Eltern war allerdings weiterhin nicht erforderlich. England und Wales regelt auf ihrer Seite nach unten und senkten das heiratsfähige Alter ohne elterliche Zustimmung von 21 auf 18 (mit Zustimmung der Eltern 16).

Allgemein änderte sich der Kundenstamm. Gretna Green war über Jahrzehnte so berühmt geworden, dass es bei Weitem nicht nur junge Menschen waren, die sich hier vermählen ließen. Oft waren es einfach Leute mit etwas abenteuerlicherem Geschmack oder solche, die auf eine große Feier keine Lust hatten. Zu Rennisons Zeiten war die Mehrheit der Paare zwischen 40 und 60 Jahren alt. Das waren häufig Menschen, die ihre zweite Ehe eingingen und beschlossen, eine große kirchliche Feier sei genug im Leben, das bräuchten sie kein zweites Mal. Waren diese Leute verwitwet, war das kein Problem, auch nicht aus Sicht der damaligen Gesellschaft. Aber oft genug heirateten hier Geschiedene. Eine zweite Ehe war damals verpönt und Gretna Green behielt so immer noch den Ruf der Eheschließung aus Liebe wider den moralischen Normen.

So schaute der Gesetzgeber wenig begeistert auf die Tätigkeit der Ambosspriester. Wegen des stetig wachsenden Ansturms auf Eheschließungen in Gretna Green wurde 1935 eine Kommission ins Leben gerufen, welche sich mit der Ehe in Schottland befasste. Richard Rennison erschien 1936 sogar zu einer Anhörung dieser Kommission. Sein Amt konnte er damit aber nicht retten. 1939 wurde das Gesetz erlassen, welches die irreguläre Ehe und damit die Ambosspriesterschaft ab 1940 abschaffte.

Rennison arbeitete weiter in seiner alten Rolle, ohne die rechtliche Grundlage konnte er Ehen allerdings nur noch feierlich segnen. Eine juristisch bindende Vermählung war ihm nicht mehr möglich. Dafür erschien er regelmäßig vor Gericht in verschiedenen Prozessen, um sicherzustellen, dass vor 1940 vom ihm geschlossene Ehen weiterhin rechtlich anerkannt wurde.

Mit der Entkopplung der Ehe von der Kirche kann man heute in Gretna Green wieder rechtlich bindend in einer Schmiede heiraten. Auch heute noch vermählen sich jedes Jahr über dreitausend Paare in dem kleinen Örtchen. Allerdings nur mit den korrekten Formularen und Unterlagen vor staatlich legitimierten Beamten, die wilde Zeit der irregulären Ehen kam damit nicht zurück.

Richard Rennison war und bleibt also der letzte Ambosspriester. Er verstarb zurück in England am 5. August 1969 in Haltwhistle, Northumberland.

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