Gerald Holtom, Gestalter des Friedenssymbols

Name: Gerald Herbert Holtom

Lebensdaten: 20. Januar 1914 bis 18. September 1985

In aller Kürze: Gerald Holtom entwickelte das Symbol für nukleare Abrüstung: ☮, welches heute zum allgemeinen Zeichen für Frieden geworden ist.

Im Detail: Über die Jahrhunderte gab es eine ganze Reihe von Zeichen, die den Frieden symbolisierten. Bspw. geht der Olivenzweig bereits auf die griechische Antike zurück. Heute gibt es ein Symbol für Frieden, das praktisch in der gesamten Welt erkannt wird: ein simpler Kreis mit drei Linien darin. Es ist derart weitverbreitet, dass es ebenfalls wie ein uraltes Zeichen wirken mag, aber tatsächlich entstand es erst 1958. Entwickelt wurde es von dem Künstler und Designer Gerald Holtom.

Seit seiner Entstehung ranken sich wilde Gerüchte um dieses eine Symbol, aber über dessen Erfinder ist sehr wenig bekannt (bzw. öffentlich zugänglich bei der Recherchetiefe, die dieses Hobbyprojekt erlaubt). Er war Brite und wurde am 20. Januar 1914 geboren. Er studierte Kunst am angesehenen Royal College of Art in London. Gerald Holtom war in seinem Leben zweimal verheiratet und hatte in Summe sechs Kinder. Er war lebenslang Pazifist. In den 1930ern führte er einen langen Kampf mit den Behörden, damit er am Ende vom Militärdienst befreit wurde.

Passend dazu ist er heute vor allem wegen seines Symbols für Frieden von Bedeutung. Ursprünglich war es gar nicht als allgemeines Friedenszeichen gedacht, sondern ganz spezifisch auf die nukleare Abrüstung gemünzt. Im Englischen heißt nukleare Abrüstung nuclear disarmament. Holtom kombinierte die Positionen im Flaggenalphabet für N (beide Flaggen schräg nach unten) und D (eine Flagge gerade nach oben, eine gerade nach unten) mit einem Kreis, der die Erde darstellen sollte. So entstand das fertige Symbol. (Deshalb liegt der Schnittpunkt der Linien übrigens auch auf dem Mittelpunkt des Kreises. Dass er scheinbar etwas tiefer sitzt, ist eine optische Täuschung aufgrund der Dicke der Linien.)

Das fertige Zeichen enthält laut Holtom noch eine weitere Symbolik: die eines Menschen, der verzweifelt die Arme geöffnet nach unten hält, geängstigt von der enormen Macht der Atomwaffen. Laut einer Quelle sollte Gerald Holtom diese Metapher später bereuen und sich dafür aussprechen, das Symbol um 180° zu drehen, sodass der Friede mit erhobenen Armen gefeiert würde. Wie verlässlich dieser Bericht ist, lässt sich leider schwer feststellen.

Gerald Holtoms Kreation entstand am 21. Februar 1958 und wurde im April jenes Jahres beim ersten Aldermaston-Marsch für nukleare Abrüstung der breiten Öffentlichkeit bekannt. Mit dem immer drastischer werdenden Kalten Krieg war dieses Thema besonders akut und Holtoms Entwurf verbreitete sich rasch. In den 1960ern verallgemeinerte sich die Bewegungen von der Ablehnung von Kernwaffen auf Friedensdemonstrationen im Ganzen, gerade im amerikanischen Raum stark durch den Vietnamkrieg getrieben, welcher zu keinem Zeitpunkt in Gefahr lief, nuklear zu werden, aber dennoch einen grausamen Konflikt darstellte. Diese nun allgemeineren Kriegsgegner machten aus dem Zeichen für nukleare Abrüstung ein Friedenssymbol im Allgemeinen. Damit war ein abstraktes Symbol entstanden, das in der Gesellschaft klar konnotiert ist, simpel zu zeichnen und auf den ersten Blick zu erkennen.

Dass diese Vorteile des Symbols ihm zum globalen Erfolg verhelfen konnten, liegt auch daran, dass Gerald Holtom es nie als Warenzeichen registrierte. Es war sofort gemeinfrei und jeder Kriegsgegner konnte es verwenden. Heute ist es allgemeines Kulturgut geworden. Es ist sogar in den Unicode integriert (U+262E).

Dass der Künstler damit nicht mit dem Kunstwerk verbunden wurde, hatte den Irrglauben zur Folge, das Zeichen stamme von dem Philosophen Bertrand Russell, welcher sehr aktiv bei den Friedensmärschen waren. (Das mag auch daran liegen, dass Russell als bekannter Intellektueller den berichtenden Medien als erstes auffiel – zumal er sich auf diesen Demonstrationen wohl so aufrührerisch aufführte, dass er als 89-Jähriger für eine Woche ins Gefängnis musste.) Russel dementierte diese Zuschreibung stets und zollte Gerald Holtom die Anerkennung für seine Schöpfung.

Das war jedoch nicht der einzige Irrglaube über das Friedenssymbol. Mit seinem steigenden Erfolg wurden ihm auch finstere Ursprünge zugeschrieben. Manche erklärten es für ein Nazisymbol, welches von germanischen Runen abgeleitet worden wäre. Andere, vor allem fundamentale Christen in den USA, hingen dem festen Glauben an, es wäre ein ketzerisches und/oder satanistisches Symbol. Die herunterzeigenden Linien wären die abgebrochenen Querhölzer eines zerbrochenen christlichen Kreuzes. Wieder andere hielten es für einen stilisierten Mann, der breitbeinig mit enormem Genital dastünde, und damit für ein Zeichen von sexueller Sünde.

So lächerlich diese panischen Reaktionen auf ein Friedenssymbol wirken mögen, sie hängen durchaus zusammen mit der dunklen Seite des Symbols: Es kann dafür stehen, sich für den Frieden einzusetzen. Aber es kann auch verwendet werden, um Gewalt hinzunehmen, weil man sie aus Friedensliebe nicht konfrontieren möchte. Diese Spannung zwischen der Hoffnung und dem aufrichtigen Streben nach Frieden einerseits und einem naiven Pazifismus anderseits, war von Anfang an mit dem Symbol verbunden und weckte einigen Widerstand. Als sein Schöpfer sich in den 1930ern aus fester Überzeugung weigerte, in den Kriegsdienst einzutreten, zeichnete sich Hitler als der zukünftige Feind bereits ab. Und die Frage muss erlaubt sein, ob der wohl schrecklichste Diktator aller Zeiten nicht zurecht mit Kriegsgewalt aufgehalten wurde.

Gerald Holtom starb am 18. September 1985. Auf seinem Grabstein stehen die passenden Worte: „Campaigner for peace, may he find peace.“ (Zu Deutsch: „Friedensaktivist, möge er Frieden finden.“)

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