Nicholas Barbon, visionärer Ökonom, Schlitzohr und zufälliger Gründer des heutigen Londons

Name: Dr. Nicholas If-Jesus-Christ-had-not-died-for-thee-thou-hadst-been-damned Barbon (Ja, der Name stimmt wirklich.); andere Schreibweisen: Barebon, Barebone

Lebensdaten: circa 1640 in London bis ca. 1698 in Osterley House

In aller Kürze: Das heutige London entstand durch das Zusammenwachsen der City of London und Westminster. Diese Verbindung passierte durch das Werk des visionären Ökonomen Nicholas Barbon als reine Nebenwirkung seines Strebens nach Geld, durch intelligenten Geschäftssinn, eine riesige Feuersbrunst und konsequentes Missachten von Gesetzen.

Im Detail: Nicholas Barbon (auch Barebon oder Barebone, eine konsistente Schreibweise von Nachnamen war damals weniger wichtig) wurde in London geboren, vermutlich 1640, aber vielleicht auch schon 1637 (genaue Geburtsdaten wurden damals oft ebenso mangelhaft dokumentiert). Sein Vater war Priester und ein einflussreiches Mitglied einer monarchistischen, puritanischen Sekte. Im englischen Bürgerkrieg, den wir schon bei Sofie von der Pfalz thematisierten, kam der Vater zu größerem politischem Einfluss. Extrem christlich eingestellt, trug der Vater nicht bloß den Namen Praise-God Barbon (also Lobe-Gott Barbon, oder Barebon/Barebone), er gab seinem Sohn Nicholas zu dessen Taufe auch den sonoren Namen If-Jesus-Christ-had-not-died-for-thee-thou-hadst-been-damned. Auf Deutsch hieß unser heutiger Unprominenter also: Nicholas Wäre-Jesus-Christus-nicht-für-dich-gestorben-wärest-du-verdammt-worden Barbon. Solche Namen waren in besonders frommen Familien Englands damals nichts Ungewöhnliches, auch wenn Nicholas Barbons schon ziemlich ausufernd war.

Obwohl Barbon also aus einem sehr christlichen Haushalt kam, hielt sich seine Frömmigkeit doch merklich in Grenzen. Zunächst begann es sehr fürsorglich voller Nächstenliebe. Anders als sein Vater ging es zwar nicht in den Klerus, aber wurde zumindest Arzt. Er studierte den Heilberuf in den Niederlanden (in Leiden und Utrecht) und erlangte 1661 seinen Doktortitel in Medizin. Drei Jahre später wurde er gar zum Mitglied des Ärztebundes Royal College of Physicians in London. Diese Ernennung nutzte er aber kaum. Denn kurz darauf kam er offenbar zu dem Schluss, als Heiler rette er zu viele Leben und verdiente nicht genug Geld. Auch damals nagten Ärzte nicht gerade am Hungertuch, aber das reichte Barbon wohl nicht. Ganz unchristlich konnte man viel mehr Geld mit Immobilien und Spekulation verdienen.

Nicholas Barbon ging also zunächst in den Markt mit dem Baugewerbe, wo er enorm reich werden sollte. Seinen Erfolg hier verdankte er drei Faktoren: intelligentem Geschäftssinn, einer riesigen Feuersbrunst und konsequentem Missachten von Gesetzen. Dabei sollte er ganz nebenbei das heutige London erschaffen.

Wie aber kann Barbon im 17. Jahrhundert London gegründet haben, wenn London schon zu Zeiten der Römer existierte? Es wurde um das Jahr 50 unserer Zeitrechnung von den römischen Herrschern an der Themse gegründet. (Die Asterix-Comics, welche bekanntermaßen im Jahre 50 vor Christus spielen, liegen also 100 Jahre zu früh und verwenden die Stadt anachronistisch.)

Der Grund dafür ist folgender Unterschied: Wenn Sie einen Stadtplan von London studieren, werden Sie bemerken, dass ein kleiner Teil des heutigen Londons verwirrenderweise City of London heißt. Das ist der Stadtkern, der auf Londinium zurückgeht. Auch nach dem Untergang des Römischen Reiches konnte sich die Stadt an der Themse behaupten und aufgrund ihrer günstigen Lage sehr reich und mächtig werden. Sie hatte großen Einfluss im Königreich England und auch einige Sonderrechte auf der Grundlage, Jahrhunderte älter zu sein als das Reich. Die englischen Könige waren darüber alles andere als glücklich, weshalb sie eine andere Hauptstadt unter ihrer Kontrolle wollten. Dafür suchten sie sich die Stadt Westminster aus, welche etwas weiter oben an der Themse aus einem Kloster erwachsen war. Ab ca. 1200 war dies die neue Hauptstadt Englands.

Beide Städte wuchsen. Und hätten sie sich natürlich weiterentwickelt, wären sie rasch zu einer Einheit verschmolzen. Das aber lief dem Plan der Regenten klar zuwider, weshalb es einen breiten Streifen Land gab, auf dem nur mit besonderer Genehmigung Häuser errichtet werden durften. Zwischen London und Westminster lag also ein fast komplett leerer Streifen Land.

Nun kam es 1666 zum legendären Großen Feuer von London, in welchem große Teile der Stadt niederbrannten und hunderte Bürger ohne Unterkunft waren. Nicholas Barbon sah hier seine große Chance. Wenn er möglichst schnell neue Häuser bauen könnte, so könnte er ein Vermögen verdienen. Nun, die schnellste Methode neue Gebäude zu errichten, ist, nicht alte, niedergebrannte Ruinen vorher abzureißen, sondern sie direkt auf ungenutztem Boden zu bauen. Und wie nützlich da der praktisch freie Streifen zwischen London und Westminster für ihn war. Barbon wettete darauf, dass egal wie verboten die neuen Häuser wären, direkt nach dem Großen Feuer die Regierung nicht bereit wäre, sie wieder abzureißen und einen Aufstand zu riskieren.

Barbon sollten mit dieser Annahme Recht behalten. Zwar bemühten sich einige in der Obrigkeit, ihn aufzuhalten oder gar verhaften zu lassen, aber am Ende konnten sie sich dem öffentlichen Druck der Wohnungsnot nicht widersetzen.

Nicht nur wurde Nicholas Barbon damit unverschämt reich, er verband auch Westminster mit London. Die beiden Zentren wuchsen danach immer weiter zusammen und wurden irgendwann gemeinsam als „London“ bezeichnet. (Die City of London blieb allerdings bestehen und hat bis heute eine eigene Regierung, Polizei, Verwaltung und einen eigenen Bürgermeister. Wie sich das für eine jahrhundertealte Entität gehört, ist die Regierungsform der City ziemlich wild – unter anderem sitzen alten Gilden und ihre modernen Entsprechungen, erfolgreiche Konzerne, in der Regierung.) Auf diese Weise gründete Nicholas Barbon das moderne London – ziemlich unabsichtlich, vor allem aus Profitabsicht. Die Hauptstadt Großbritanniens wurde also von einem Gauner geschaffen. Er tat dies nicht aus gutem Willen und einige der neuen Häuser stürzten bald wieder ein, weil er die Fundamente minderwertig bauen ließ, um schnell und günstig an die Immobilien zu kommen, die ihn immer wohlhabender machten. Trotzdem ist nicht abzustreiten, dass Barbons Bauprojekte zum Wohle vieler Leute waren, die dadurch Wohnraum bekamen.

Diese Ambivalenz zwischen seiner Gewinnabsicht und dem allgemeinen Wohl würde auch für seine weitere Karriere bezeichnend sein. Denn Barbon befasste sich nun mehr mit Finanzdienstleistungen. Direkt nach dem Großen Feuer konnte er die neuartige Feuerversicherung mit ziemlichem Erfolg verkaufen. Einerseits wurde er dadurch noch reicher und nutzte die frische Angst der Bürger, andererseits mussten seine über 5000 Kunden jetzt nicht mehr befürchten, durch einen Brand alles zu verlieren.

Ebenso entwickelte er das Konzept der Hypothek, die man auf ein Haus aufnehmen konnte. Gleiches Muster: Einerseits machte Barbon das vor allem, um Geld zu verdienen. Andererseits waren vor dieser Erfindung große Teile des Kapitals Englands in Immobilien gebunden. Die Möglichkeit auf diese einen Kredit aufzunehmen, spülte große Mengen Kapital an die Märkte und kurbelte die Wirtschaft an. Und Barbon war natürlich nicht der Einzige, der von diesem Wirtschaftswachstum profitierte.

Trotzdem machten sein Erfolg und seine Missachtung der Gesetze Nicholas Barbon immer wieder zu einem Ziel der Obrigkeit. Er wich diesem Problem geschickt aus, indem er mitten im nirgendwo Land erwarb und sich von dort ins britische Parlament wählen ließ, um vor der Strafverfolgung sicher zu sein.

In seinen späteren Jahren schrieb Nicholas Barbon einige wirtschaftswissenschaftliche Werke, aus denen man klar herauslesen kann, dass ihm durchaus bewusst war, wie er seinen Reichtum angehäuft hatte und dass er damit immer wieder auch dem Gemeinwohl geholfen hatte. An Selbstsicherheit mangelte es ihm nicht.

Diese Schriften sind nicht sonderlich gut strukturiert und auch Sicht der heutigen Ökonomie nicht immer zu Ende gedacht, aber Barbon brachte in diesen Aufsätzen bereits viele Ideen auf, die heute zur Standardtheorie gehört. Beispielsweise schlug er vor, internationaler Handel könnte alle beteiligten Länder reicher machen. Damals versuchten alle Länder, sich möglichst abzuschotten (= Merkantilismus). Außerdem gehörte Barbon zu den ersten Befürwortern von Papiergeld. In seiner Epoche geradezu ketzerisch behauptete der Geschäftsmann, Gold und Silber hätten ebenso wie Papiergeld keinen eingebauten Wert, sondern nur den, auf den wir uns alle einigen. Mit vielen dieser Thesen sollte Barbon Recht behalten, ähnlich wie Michael Unterguggenberger ein Geldvisionär war.

Der vorrauschauende Ökonom, der zufälligerweise das heutige London geschaffen hatte, verstarb vermutlich 1698 in Osterley House, einem Herrenhaus westlich von besagtem London.

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