Gavrilo Princip, der wichtigste Attentäter der Geschichte

Name: Gavrilo Princip (serbisch-kyrillisch: Гаврило Принцип)

Auch bekannt als: Auslöser des 1. Weltkriegs

Lebensdaten: 25. Juli 1894 in Obljaj, Vilâyet Bosnien bis 28. April 1918 in Theresienstadt, Österreich-Ungarn

In aller Kürze: Gavrilo Princip war gleichzeitig ein völliger Niemand und die wichtigste Person des 20. Jahrhunderts. „Wichtig“ ist hier nicht mit „positiv“ zu verwechseln. Princips Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand löste den Großen Krieg aus und veränderte somit die politische Landkarte der gesamten Welt. Der Krieg wäre auch ohne ihn gekommen, doch sein Verlauf und seine Folgen wären vermutlich andere gewesen. Ohne Princip kein 1. Weltkrieg, kein 2. Weltkrieg, kein kommunistischer Block im Osten usw. Es bedürfte weniger Sekunden, um die Schüsse abzugeben, die das Pulverfass der europäischen Großmächte entzündeten.

Im Detail: Manche Katastrophe sieht man lange kommen und kann trotzdem nichts dagegen tun. Dass der Erste Weltkrieg (auch „Großer Krieg“ genannt) kommen würde, das war sehr vielen Leuten Jahre im Voraus klar. Die europäischen Großmächte (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Österreich-Ungarn und Russland) rangen mit allen Mitteln um die Macht über den Kontinent. Früher oder später, so wussten viele Leute, müsste dieses Pulverfass einmal entzündet werden. Es brauchte nur jemanden, der den Funken schlug. Und dieser jemand war Gavrilo Princip.

Auch diese Katastrophe begann mit großem Vorlauf: Im Jahre 1908 annektiert das Großreich Österreich-Ungarn das viel kleinere Bosnien-Herzegowina. Was ein paar Jahrhunderte zuvor vermutlich ohne großen Ärger gelaufen wäre, kam jetzt in einer Zeit des Nationalismus, in der die unterschiedlichen Gruppen auf der Welt sich als souveräne Völker verstanden und für ihre Freiheit kämpfen wollten. Eine der Gruppierungen dieser Zeit war Junges Bosnien (Mlada Bosna), eine radikale Widerstandbewegung, die Bosnien befreien wollte. Und mich Bosnien nicht genug – wie viele seiner Mitstreiter wünschte sich Princip ein Jugoslawien, einen Staat, der alle Südslawen vereinen sollten. Doch dafür musste die Herrschaft des k. u. k. Reiches beseitigt werden, die die jungen Nationalisten als grausame Unterdrückung wahrnahmen.

Als Inbegriff der Unterdrückung galt natürlich das Kaiserhaus mit seinem Thronfolger Franz Ferdinand Carl Ludwig Joseph Maria von Österreich-Este. (Haben Adelige nicht wundervoll kurze Namen?) Dieser war tatsächlich ein Freund der Slawen, soweit seine Position ihm das überhaupt ermöglichte. So hatte er klare Pläne entwickelt, nach seiner Thronbesteigung die slawischen Gebiete zu einem dritten Reichsteil (Südslawien) zusammenzulegen und ihn mit Österreich und Ungarn gleichzustellen.

Trotzdem besuchte Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 Sarajevo, ausgerechnet dem 525. Jahrestag Schlacht auf dem Amselfeld, für viele Serben ein besonders wichtiger Tag. Ob Franz Ferdinand das bewusst war, ist tatsächlich ungeklärt. Dass er nicht aus reiner Machtgier handelte, zeigt der Verlauf jenes Tages.

Junges Bosnien hatte tatsächlich schon seit März 1914 Attentatspläne, aber der 28. Juni machte sie für die besonders symbolisch. Als Franz Ferdinand und seine Frau Sophie Chotek in einer Autokolonne durch die Stadt führen, wurden sie mit einer Bombe beworfen. (Er hatte seine Frau übrigens aus Liebe geheiratet, obwohl sie als Adelige nicht eigentlich ranghoch war, um als angemessen zu gelten. Seine tiefe Bindung zu ihr passt auch zu seinen späteren Taten an diesem Tag.) Der Fahrer bemerkte den Angriff und gab Gas, während der Thronfolger den Arm hob, um seine Frau zu schützen. Die Bombe prallte von seinem Arm ab und landete bei einem anderen Wagen. Die Explosion ließ den Thronerben unverletzt, verwundete aber die Insassen des anderen Wagens, sowie mehrere Schaulustige. Gavrilo Princip war in Stellung, um den Anschlag zu unterstützen, aber nachdem alles schiefgegangen war, tauchte er in der Menge unter.

Franz Ferdinand war empört über den Anschlag, machte sich aber auch Sorgen um den verletzten Oberstleutnant Merizzi, welcher durch die Bombe am Hals verwundet worden war. Er bestand darauf, diesen im Krankenhaus zu besuchen.

Eigentlich war das Attentat also gescheitert und Gavrilo Princip saß frustriert an einem Straßentisch einer Konditorei und trank Kaffee. Doch er hatte Glück (und der Rest der Welt Unglück), denn der Fahrer des Thronfolgers kannte sich in Sarajewo nicht aus und nahm die falsche Abzweigung. Also musste der Wagen stehenbleiben und wenden – direkt vor dem Café, in dem Princip saß.

Der junge Bosnier zog seine Pistole und eröffnete das Feuer. Franz Ferdinand und seine Frau wurden tödlich verwundet. Seine letzten Gedanken waren bei seiner Frau, um die er sich mehr sorgte als um sich selbst. („Sopherl! Sopherl! Stirb nicht! Bleib‘ am Leben für unsere Kinder!“)

Mit seinem Attentat verursachte Princip den Ersten Weltkrieg. Aber der Weg dahin war alles andere als offensichtlich. Wegen seiner progressiven Ansichten und seiner Ziele, Südslawien als Teil der kaiserlich und königlichen Familie aufzufassen, war Franz Ferdinand in Wien nämlich alles andere als beliebt. (Er war auch nicht der ursprüngliche Thronerbe gewesen, aber der Kronprinz Rudolf hatte sich 1889 das Leben genommen und sein Vater Karl Ludwig, Bruder des Kaisers, war 1896 gestorben.) Insofern war die sofortige Reaktion in Wien ambivalent zwischen Trauer und Empörung. Wenn Sie sich Bilder vom Begräbnis anschauen, dann wirkt es wenig wie die Trauerfeier von einem Thronfolger. Auch mit Hinweis auf die nicht standesgemäße Ehe war es bescheiden und für viele eine Pflichtveranstaltung und kein Anlass zu echter Trauer.

Doch zu diesem Zeitpunkt herrschten massive Spannungen zwischen Österreich und Serbien und irgendwann kam jemand auf die Idee, aus dem Attentat einen Kriegsgrund zu machen. Die Situation eskalierte, auch weil Russland sich damals als Behüter aller Slawen sah, sodass am Ende alle Großmächte der Westliche Welt miteinander im Krieg lagen.

War Gavrilo Princip somit schuld an der Jahrhundertkatastrophe? – Das ist keine einfache Frage. Schuld an einem Krieg war er wohl kaum. Alle Großmächte Europas erwarteten einen Krieg, waren darauf vorbereitet und in vielen Fällen freuten sich gar auf die glorreiche Schlacht. (Die Idee, Krieg wäre etwas Ruhmreiches, würde erst während des Ersten Weltkrieges sterben. Es liegt wenig Ruhm darin, von Kampfgas zerfressen zu werden.) Denken Sie daran, wie sehr sich Österreich-Ungarn bemühen musste, um aus dem Verlust eines wirklich ungeliebten Thronerben einen Kriegsgrund zu schneidern.

Insofern war Princip nicht die Ursache, sondern der bloße Auslöser. Trotzdem sollte man seinen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte nicht unterschätzen. Es hätte auch ohne ihn irgendeinen Krieg gegeben. Aber die Machtverhältnisse, die Kriegstechnologie und auch die Bevölkerungszahlen (und damit die Zahl der möglichen Rekruten) dieser Zeit entwickelten sich rasend schnell, wäre der Große Krieg zu einem anderen Zeitpunkt gekommen, wäre es vielleicht ein eher kleiner Krieg geblieben.

Hätte es einen anderen Kriegsgrund gegeben, wären die Beteiligten vielleicht andere gewesen. Hätte nur eine Kriegspartei sich herausgehalten (typische Kandidaten wären Großbritannien, Russland oder die Türkei), wäre der Krieg komplett anders verlaufen.

Hätte die Artillerie oder Luftwaffe nur fünf Jahre mehr Entwicklungszeit gehabt, dann wären die Grabenkriegen vielleicht gar nicht passiert.

Man kann diese Spekulationen sehr lange spielen, aber sie bleiben eben Spekulationen. Viel hätte passieren können, doch was wirklich passierte, wurde bestimmt von einem völlig unbekannten Studenten in Sarajevo. Und das macht Gavrilo Princip gleichzeitig zu einem unbedeutenden Niemand und zur wichtigsten Figur des 20. Jahrhunderts.

Soweit man das rekonstruieren kann, bedauerte er seine Tat und deren folgen übrigens nur in einem einzigen Punkt: Herzogin Sophie erschossen zu haben, sei nicht seine Absicht gewesen. Er selbst starb am 28. April 1918 in Gefangenschaft an Tuberkulose, erlebte also das Ende des Konflikts gar nicht, den er ausgelöst hatte.

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