David Railton, Bestatter des unbekannten Soldaten

Name: Reverend David Railton

Lebensdaten: 13. November 1884 in London bis 30. Juni 1955 in Fort William

In aller Kürze: Kurz nach dem Ersten Weltkrieg konnte David Railton erwirken, dass ein sehr symbolträchtiges Kriegsdenkmal errichtet wurde: Das Grabmal des unbekannten Soldaten. Seine Idee wurde in dutzenden von Ländern übernommen, unter anderem auch Deutschland.

Im Detail: Davin Railton wurde am 13. November 1884 in London geboren. Sein Vater, George Scott Railton, hatte bereits einen sehr christlichen Hintergrund: Er war in der Heilsarmee nicht bloß aktiv, sondern direkt ihr zweiter Vorsitzender. Diese christliche Wohltätigkeitsorganisation bestimmte das Leben des Vaters und große Teile seiner Zeit. David Railton wuchs daher vor allem mit seiner Mutter Marianne auf. Der Glaube seines Vaters war jedoch sehr prägend für den jungen David, sowohl die christliche Religion als auch die Überzeugung, ein guter Christ müsse sich für die Ärmsten der Gesellschaft einsetzen.

Railton Bildungsweg führte ihn dementsprechend in den Klerus: Nach der Schule studierte er ab 1904 am Keble College in Oxford, wo er 1908 seinen Bachelorabschluss erlangen sollte. In diesem Jahr wurde er auch in den Priesterstand der Church of England erhoben und bekamt damit den Titel Reverend (zu Deutsch: Hochwürden).

Reverend Railton wurde direkt ein Kurat übertragen: Er wurde Seelsorger in Liverpool. 1910 zog er nach Ashford, Kent um. Er war weiterhin vor allem als lokaler Seelsorger tätig, übernahm aber 1911 auch zeitweise die Pflicht eines Militärgeistlichen – eine Vorschau auf seine Zukunft.

Denn auf diesem Wege hätte David Railton ein ruhiges, gutbürgerliches, wenig spektakuläres Leben führen können, wäre nicht die Jahrhundertkatastrophe eingetreten. Am 28. Juli 1914, genau einen Monat nach der Ermordung von Franz Ferdinand, Thronfolger von Österreich-Ungarn, erklärte Österreich Serbien den Krieg und der Erste Weltkrieg brach aus.

Es gehört zu den düsteren Tatsachen der (aus deutscher Sicht) Westfront, dass es über Railtons Einsatz im Großen Krieg wenig Besonderes zu berichten gibt. Nicht umsonst fasste Erich Maria Remarque das tausendfache Sterben in und zwischen den Schützengräben so zusammen: „Im Westen nichts Neues“.

An der verhärteten Westfront starben im Verlauf des Krieges etwa 14 Millionen Menschen (8 Millionen auf Seiten der Entente, 6 Millionen auf Seiten der Mittelmächte). Oder anders ausgedrückt: Es starben mehr junge Männer an der Westfront, als das heutige Deutschland in Folge der Geburtenlücke überhaupt junge Männer hat. In der berühmten Schlacht an der Somme allein betrugen die Verluste über eine Million (620.000 auf Seiten der Entente, 450.000 auf Seiten des Deutschen Reichs.). Der Ausgang dieses Gemetzels wurde von Großbritannien und Frankreich als großer Sieg für ihre Seite gefeiert. Das glorreiche Ergebnis: In 140 Tagen des Gefechts hatte man die Deutschen um ganze 10 Kilometer zurückgetrieben. Das entspricht dem Preis von einem Menschenleben für einen Zentimeter Grund und Boden.

Die Zustände waren derart unmenschlich und absurd, dass die Soldaten der beiden Seiten einander oft näher standen als ihren Offizieren. 1914 feierten sie gar gemeinsame Weihnachten.

In den Jahren danach war das Sterben an der Westfront morbider Alltag geworden. Insofern gibt es nur zwei bedeutende Höhepunkte, so dieser Begriff hier überhaupt erlaubt ist, aus David Railtons Kriegsdienst zu berichten: 1916 wurde er mit einem Orden ausgezeichnet, weil er einen Offizier und zwei Männer unter schwerem Beschuss rette.

Wichtig aber noch war ein Erlebnis im selben Jahr: Er stolperte im Kriegsgebiet über ein einfaches hölzernes Kreuz, welches ein Grab markierte. Beschriftet war dieses mit den Worten: „Ein unbekannter britischer Soldat“.

Der Geistliche war allgemein abgestoßen vom sinnlosen Sterben an der Front. Anders als die jungen Idealisten an seiner Seite war Reverend Railton bereits über 30, als er diese prägenden Erlebnisse hatte. Und jenes einfache Holzkreuz wurde für den Seelsorger so etwas wie das Sinnbild des Großen Krieges.

Selbst eine Schlacht zwischen ordentlich befestigten Schützengräben ist wahnsinnig chaotisch. In einem Krieg, in welchem Millionen starben, konnten bei weitem nicht alle Gefallenen identifiziert werden. Oft genug landeten sie in Massengräbern, ohne dass man ihre Angehörigen hätte informieren können.

David Railton formulierte die Idee, einen unbekannten Soldaten symbolisch in einem Staatsbegräbnis zu beerdigen. Er schlug diesen Plan auch in einem Brief an einen britischen Lord vor, aber dies blieb ohne Wirkung.

Doch Reverend Railton ließ sich nicht beirren und wollte sich weiter für diese Idee einsetzen. Nach dem Krieg wurde er zum Vikar in Margate ernannte. Im August 1920 wandte er sich an den Bischof von Westminder und schlug wieder vor, einem unidentifizierten Soldaten ein hohes Staatsbegräbnis in Westminster Abbey zu geben. Der Bischof war von dieser Idee begeistert und schaffte es mit dem Premierminister als weiteren Fürsprecher, den zunächst skeptischen König George V. von diesem Plan zu überzeugen.

In Frankreich gab es eine ähnliche Bewegung, sodass am Jahrestag des Waffenstillstands im Jahre 1920 in beiden Ländern eine symbolische Trauerfeier gehalten wurde: die britische in der Westminster Abbey, die französische im Triumphbogen in Paris.

Das britische Grabmal des unbekannten Soldaten, welches offiziell übrigens „Grab des unbekannten Kriegers“ (engl. unknown warrior) heißt, trägt die Inschrift:

„Beneath this stone rests the body

Of a British warrior

Unknown by name or rank

Brought from France to lie among

The most illustrious of the land

And buried here on Armistice Day

11 Nov: 1920, in the presence of

His Majesty King George V

His Ministers of State

The Chiefs of his forces

And a vast concourse of the nation

Thus are commemorated the many

Multitudes who during the Great

War of 1914 – 1918 gave the most that

Man can give life itself

For God

For King and country

For loved ones home and empire

For the sacred cause of justice and

The freedom of the world

They buried him among the kings because he

Had done good toward God and toward

His house“

(Deutsch: „Unter diesem Stein ruht der Körper eines britischen Kriegers, Name und Rang unbekannt, gebracht aus Frankreich, um zwischen den Berühmtesten des Landes zu liegen, und begraben am Tag des Waffenstillstands, 11. Nov. 1920, in Gegenwart seiner Majestät König George V., Ministern des Staates, Kommandanten seiner Streitkräfte und einer enormen Zusammenkunft unserer Nation.

Damit wird geehrt die große Vielzahl, die im Großen Krieg 1914 – 1918 das höchste gab, was ein Mensch gab kann – ihr Leben. Für Gott, für König und Heimat, für die Geliebten zu Hause und das Weltreich, für die heilige Sache von Gerechtigkeit und Freiheit in der Welt.

Man begrub ihn zwischen den Königen, weil er gut getan hatte gegenüber Gott und seinem Haus.“)

Reverend Railtons weiterer Lebensweg war wenig spektakulär: Er heiratete, hatte fünf Kinder und verstarb 1955 in Folge eines Unfalls.

Aber sein Konzept des Grabmals des Unbekannten Soldaten bewegte die Menschheit. Es war nicht das erste solcher Gräber, diese Ehre gebührt dem Denkmal der Landsoldaten in Fredericia, Dänemark, welches 1858 in Erinnerung an den Ersten Schleswig-Holsteinischen Krieg erbaut wurde. Aber in Folge des Ersten Weltkriegs und der völligen Wandlung der öffentlichen Meinung, die Krieg nun als etwas Tragisches und nicht Heroisches ansah, blieb es eben nicht bei dem einen Grab in Westminster Abbey. Sondern dieses Konzept ging um die Welt.

Heute haben viele Länder ein solches Kriegsdenkmal. Diese sind oft aufgeladen mit Symbolik und stelle eine Möglichkeit für ein Land dar, seine nationale Überzeugung zu verdeutlichen. So ist zum Beispiel das amerikanische Grabmal auf dem Militärfriedhof in Arlington zu finden und verfügt über eine aufwendige Ehrenwache in speziell angepasster Uniform.

Das deutsche Mahnmal dagegen findet sich in der Neuen Wache in Berlin und ist viel weniger pompös und militärisch aufgeladen. Dort liegt die Asche eines unbekannten Soldaten in einer Urne, daneben die Urne eines unbekannten Widerstandkämpfers und Konzentrationslageropfers, sowie Gefäße mit der Erde aus neun Konzentrationslagern. Darüber steht eine Skulptur von Käthe Kollwitz, die eine Mutter zeigt, die ihren gefallenen Sohn beweint. So gedenkt die Bundesrepublik den Opfern von Krieg und Gewalt.

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