Michael Unterguggenberger, mutiger Bürgermeister und Geldvisionär

Name: Michael Unterguggenberger

Auch bekannt als: Erfinder des Schwundgelds von Wörgl

Lebensdaten: 15. August 1884 in Hopfgarten im Brixental bis 19. Dezember 1936 in Wörgl

In aller Kürze: Michael Unterguggenberger war während der Weltwirtschaftskrise Bürgermeister der kleinen Stadt Wörgl (in Tirol). Während im Rest von Österreich sich die wirtschaftliche Situation zusehends verschlechterte und extremistische Parteien in Scharen Zulauf fanden, löste er das Problem durch einen mutigen Schritt: Er ließ eigenes Geld drucken, welches die lokale Wirtschaft brummen ließ. Das „Wunder von Wörgl“ war aber nicht nur ein kühner Schachzug, wir lernen daraus eine wichtige Eigenschaft von Geld.

Im Detail: Was ist eigentlich Geld? Die Frage danach, was Geld denn nun eigentlich genau sei und wie es funktioniere, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Geld hat keinen direkten Nutzen. Man kann es nicht essen oder trinken, es taugt nicht als Werkzeug, man kann sich nicht darin kleiden. Und trotzdem scheint es enorm nützlich zu sein. Irgendwie ist Geld wertvoll, weil wir uns darauf geeinigt haben. Doch wie funktioniert das genau? Und wieso gibt es dann Wertverfall, wenn wir uns doch auch auf einen konstanten Wert einigen könnten? – Diese Fragen standen im Zentrum eines politischen Schachzugs, eingeleitet von einem Mann, der eigentlich Mechaniker war.

Der Tiroler Michael Unterguggenberger war zunächst als Sägewerks-Hilfsarbeiter tätig und wurde später Mechaniker-Geselle. Ab 1905 arbeitete er dann als Lokomotivführer. Politisch engagierte sich Unterguggenberger ab 1912, als er in die Sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ) eintrat. Ab 1920 kam er ins Amt des Vizebürgermeisters. Elf Jahre später, also 1931, stieg er dann zum Bürgermeister auf.

Das war keine leichte Zeit, um ein solches Amt zu übernehmen. Im Oktober 1929 war die Börse in New York kollabiert und hatte die ganze Weltwirtschaft mit sich gerissen. Diese globale Krise sorgte auch in Österreich für Armut und Leid – unter anderem aufgrund einer Deflation. Deflation ist das Gegenteil von Inflation, bedeutet also, dass das Geld mit der Zeit immer wertvoller wird. Klingt schön, ist aber eine Katastrophe für die Wirtschaft. Denn niemand investiert mehr in irgendwas. Warum sollte ich mein Geld heute ausgeben, wenn ich morgen mehr dafür bekommen werde?

So stürzte Österreich in die Massenarmut. Und radikale Kräfte wurden laut und lauter.

Auch in der Stadt Wörgl sah die Lage tragisch aus. Die Wirtschaft in der Region war drastisch gefallen, die Gemeinde hoch verschuldet. Die Jugend zunehmend extrem in ihren Ansichten.

Michael Unterguggenberger fand die Lösung des Problems: Weil der Österreichische Schilling in der Krise war, gab die Stadt Wörgl eigenes Geld heraus. Offiziell durfte es nicht Geld heißen, denn auch in Österreich hatte die Zentralbank das Währungsmonopol. Es hieß „Arbeitswertschein“. Doch die Wörgler nannten es „Freigeld“ oder „Schwundgeld“.

Unterguggenberger gab Tätigkeiten für die Arbeitslosen heraus (z. B. eine neue Brücke zu bauen), bezahlte sie aber nicht mit Schillingen, sondern mit Arbeitswertscheinen. Diese Scheine zirkulierten in Wörgl aber als Geld. Hier war Michaels Frau Rosa Unterguggenberger unersetzlich, welche einen Laden führte und als erste die Scheine als Zahlungsmittel annahm. Doch bald konnte man innerhalb Wörgls praktisch alles mit Freigeld kaufen. Auch die Gemeindesteuern konnte man damit zahlen. Der Arbeitswertschein war de facto Geld, und zwar umlaufgesichertes Geld. Es konnte nur in Wörgl ausgegeben werden und daher nur die lokale Wirtschaft ankurbeln.

Das wäre kaum der Rede wert, hätte Unterguggenberger nicht noch einen weiteren Trick in den Arbeitswertschein eingebaut. Die Scheine hießen aus gutem Grunde „Schwundgeld“, denn sie hatten eine eingebaute Inflation. Ein Schein war immer nur einen Monat lang gültig. Man konnte das verlängern, indem man eine Klebemarke auf den Schein klebte (dafür hatte er extra Klebefelder am Rand). Eine Klebemarke kostete ein Prozent des Scheinwerts. Der Schein hatte also eine Inflationsrate von 1 % pro Monat (entspricht ca. 13 % im Jahr) fest verankert.

Auf dem Schwundgeld stand werbewirksam der Text: „Lindert die Not, gibt Arbeit und Brot.“ Und das war völlig verdient. Denn während im Rest des Landes die Arbeitslosenzahlen stiegen, gingen sie in Wörgl zurück. Die lokale Wirtschaft erholte sich drastisch. Man kann nicht von großem Reichtum sprechen (auch weil mit dem Schwundgeld natürlich kein Außenhandel möglich war), aber eine solide Grundlage entstand sehr wohl. Viele Bauprojekte der Regierung konnten umgesetzt werden. So stand bis in die 1980er Jahre noch eine Brücke in Wörgl, die die Worte „mit Freigeld erbaut“ trug.

Der Aufschwung in der Region wurde bald als „Wunder von Wörgl“ weltbekannt. Beispielsweise kam der französische Finanzminister Édouard Daladier zu Besuch, um sich das ganze Konzept anzuschauen. Viel wichtiger war aber, dass hunderte Gemeinden dem Beispiel Wörgls folgen wollten. Denn das war auch das Ende des Schwundgelds. Durch die vielen Rufe nach lokalen Währungen sah die Oesterreichische Nationalbank ihr Geldmonopol gefährdet und ließ das Experiment beenden. Sehr zu Trauer und Leiden der Wörgler.

Michael Unterguggenberger blieb Bürgermeister, musste sein Amt dann allerdings im Februar 1934 räumen, als im Zuge des Österreichischen Bürgerkriegs alle linkspolitischen Parteien und Organisationen verboten wurden.

Er starb am 19. Dezember 1936 in Wörgl, wo er weiterhin eine lokale Berühmtheit ist. Auch mehr und mehr Dokumentarfilme u. Ä. widmen sich diesem visionären Politiker. Doch in Summe bleibt er weitestgehend unbekannt, obwohl sein Wirken einer der Gründe dafür ist, dass heute jede Zentralbank der Welt darauf bedacht ist, eine nennenswerte Inflationsrate aufrecht zu erhalten. Der Geldwert muss schwinden, damit der Reichtum wächst.

2 Kommentare zu „Michael Unterguggenberger, mutiger Bürgermeister und Geldvisionär

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  1. Das war wirklich eine geniale Persönlichkeit in einer extrem harten Zeit. Ein Paradebeispiel dafür, dass Atheisten die besseren Menschenfreunde sind. Zum Schluss hatte ihm die Staatsgewalt noch ganz übel mitgespielt.

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