Martin Niemöller, Theologe, KZ-Überlebender und Poet

Foto: © Nationalarchiv der Niederlande

Name: Emil Gustav Friedrich Martin Niemöller

Lebensdaten: 14. Januar 1892 in Lippstadt bis 6. März 1984 in Wiesbaden

In aller Kürze: Martin Niemöller war ein evangelischer Theologe, der ursprünglich den Nationalsozialismus positiv sah, sich dann aber zum Regimekritiker entwickelte. Nach dem Krieg trat er für eine Reformation der Kirche ein. Er ist international für ein Gedicht bekannt, das Apathie gegenüber den Tyrannen thematisiert.

Im Detail:

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

Dieses Gedicht fasst Martin Niemöllers Lebenswerk bestens zusammen. (Absurderweise ist es übrigens auf Englisch bekannter, weil es im amerikanischen Holocaust-Museum ausgestellt ist. – „First they came for…“)

Der Sohn eines Pfarrers ging in seinem Lebensweg bereits früh in die christliche Richtung. Doch damals bedeutete das etwas anderes als heute – damals war die evangelische Kirche streng kaisertreu, ziemlich judenfeindlich und klar antidemokratisch. So trat Niemöller nach der Schule erst einmal als Offizier der Kaiserlichen Marine bei. Er diente sogar im Ersten Weltkrieg.

Im Jahre 1919 nahm er praktisch sofort seinen Abschied, weil er die neue demokratische Regierung ablehnte. Er wechselte in einem Freicorps und half bei der Niederschlagung des Arbeiteraufstands im Ruhrgebiet.

Anschließend wollte er zunächst Bauer werden, entschied sich dann aus Geldmangel allerdings doch für das Studium der evangelischen Theologie. Im Jahre 1931 wurde er schließlich zum Pfarrer berufen. Schon ab 1924 wählte er die NSDAP, die dann ja 1933 auch an die Regierung kam.

Die evangelische Kirche als Ganzes unterstützte das neue Regime lautstark, unter anderem weil sie sich damals noch viel mehr auf Martin Luther berief als heute und Luther harter Antisemit war. Doch die sogenannten Deutschen Christen, eine Nazi-Splittergruppe der deutschen Protestanten, ließen Niemöller hell werden, was für Leute er da gewählt hatte. Als Nichtarier von Kirchenämtern ausgeschlossen wurden, rief er einen Pfarrernotbund ins Leben, um sie zu unterstützen und gegen diese Gesetze zu protestieren. Später war er in der Bekennenden Kirche sehr aktiv, einer oppositionellen Splittergruppe, die die Gleichschaltung der Evangelischen Kirche verhindern wollte.

Daraus sollte man ihn aber nicht zum großen, liberalen Reformer romantisieren. Martin Niemöller war weiterhin national-konservativ und deutlich antisemitisch eingestellt. Bspw. sah er Juden als Betrüger an. Dass er sich gegen ihre Verfolgung aussprach, hatte also nichts mit Judenfreundlichkeit zu tun, sondern für Niemöller nur mit dem christlichen Gebot, seine Feinde zu lieben.

Wirklich drastisch änderte sich sein Denken erst, als Niemöller im Jahre 1937 festgenommen wurde und 1938 ins Konzentrationslager Sachsenhausen kam. Auch hier kann man nicht von einem Erweckungserlebnis sprechen. Nach Kriegsausbruch schrieb Niemöller gar ein Gesuch an Hitler, wieder ein U-Boot für Deutschland zu kommandieren (das hatte er im Ersten Weltkrieg bereits getan). Später erklärt er diese plötzliche Treue zum Nazi-Staat damit, zu jenem Zeitpunkt sei seine Kritik an den Nazis rein theologischer Natur gewesen. Zum Vaterland habe er dennoch halten wollen.

1941 wurde Martin Niemöller dann ins KZ Dachau verlegt. Das liest sich jetzt schlimmer als es war, anders als andere Häftlinge, die extrem grausam behandelt wurden, kam der Theologen in den sogenannten Ehrenbunker. Kein Zuckerschlecken, aber auch bei weitem nicht mit dem Rest von Dachau zu vergleichen.

Trotzdem trat langsam ein Umdenken ein. Er grenzte sich zunehmend von deutschnationalen Ideen ab, wurde immer mehr Weltbürger. Weiterhin wurde er zumindest nicht sofort zum glühenden Demokraten, aber er war auf dem Weg dahin.

Der komplette Wandel seiner Haltung vollzog sich im vielen Punkt auch erst nach dem Krieg. Er setzte sich vehement für eine Reformation der Kirche ein und wurde später sogar zu einem extremen Pazifisten – auch vor dem Hintergrund der nuklearen Aufrüstung. Er ehrte gar Rudi Dutschke, indem er diesem seine Grabstätte überließ.

So kommen wir zum Gedicht vom Anfang zurück. Das Wort „ich“ ist hier keine rhetorische Figur. Niemöller prangert nicht etwa nur die Untätigkeit seiner Mitdeutschen an, er verarbeitet hier seine eigene falsche Haltung und Apathie. Das Gedicht ist nicht nur lehrreich, für Martin Niemöller war er gelebte Selbstkritik und Reue. Vielleicht macht ihn gerade das so nahbar.

Im Kreise derjenigen, die sich dafür interessieren, ist Martin Niemöller heute weltberühmt. In der Gesamtbevölkerung leider kaum.

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