Phineas Gage, wichtigstes Unfallopfer der Neurologie

Name: Phineas Gage

Lebensdaten: vermutlich 9. Juli 1823 in Grafton County, New Hampshire bis 21. Mai 1860 in der Gegend von San Francisco

In aller Kürze: Als Phineas Gage durch einen Unfall eine Eisenstange durch den Schädel fuhr, überlebte er glücklicherweise. Doch sein Denken und auch sein moralisches Gewissen wurden merklich geschädigt. Gages Unfall war einer unserer ersten Belege, dass Denken im Gehirn stattfindet.

Im Detail: 1848 war ein revolutionäres Jahr. In London wurde das Kommunistische Manifest veröffentlicht. In Frankreich und Deutschland kam es zu Revolutionen. Und am 13. September ereignete sich auf einer Eisenbahnbaustelle in Vermont ein Unfall, der uns mehr über den menschlichen Geist und die Funktion des Gehirns zeigte, als irgendwer hätte ahnen können. Eine Explosion trieb Phineas Gage eine Eisenstange durch den Schädel. Er überlebte das Unglück wie durch ein Wunder, aber die Verletzung seines Gehirns schädigte seinen Verstand und sein Moralverhalten. Dieser Unfall war einer der ersten Belege dafür, dass das Denken eine Leistung des Gehirns ist.

Das Opfer dieses Unfalls war bis dahin ein völliger Niemand gewesen. Phineas Gage wurde vermutlich am 9. Juli 1823 geboren in Grafton County, New Hampshire, aber so ganz sicher sind wir uns da nicht. Auch sein voller Name ist nicht eindeutig geklärt, vermutlich hatte er einen zweiten Vornamen, der nicht sicher überliefert wurde. Wir wissen, dass er das erste von fünf Kindern war von Jesse Eaton Gage und Hannah Trussell Gage, geb. Swetland. Ansonsten wissen wir sehr wenig über seine Jugend und Ausbildung. Aufgrund späterer Aufzeichnungen ist allerdings bekannt, dass er lesen und schreiben konnte (damals keine Selbstverständlichkeit) und dass er vor seinem Unfall wohl ziemlich intelligent war. Ganz allgemein gesprochen wurde Phineas Gage vor seinem Unfall von einem Mediziner als gesund, stark und aktiv beschrieben; außerdem willensstark und sehr wachen Geistes.

Im Juli 1848, mit 25 Jahren, wurde er angestellt, in der Nähe von Cortlandt Town, New York den Bau einer neuen Eisenbahnlinie zu unterstützen. Gage war als Vorarbeiter für Sprengungen zuständig, um den Schienen einen Weg durch die Berge zu räumen. Dass Gage in dieser wichtigen Position tätig war, lässt die Vermutung zu, dass er längere Erfahrungen mit Sprengstoffen hatte, auch wenn die Quellenlage hier ebenfalls nicht eindeutig ist. Auf jeden Fall war er sehr erfolgreich in diesem Job und seine Vorgesetzten waren begeistert von seiner Leistung und seinem wachen Verstand.

Um große Gesteinsblöcke zu sprengen, verwendete man damals ein Verfahren der Explosion an mehreren Stellen. Dafür wurden zunächst Löcher in das Gestein getrieben. Anschließend füllte man die Löcher mit einer sorgsam abgeschätzten Menge an Sprengpulver und legte eine Lunte. Hätte man dieses Pulver einfach so zur Explosion gebracht, hätte man ein beeindruckendes Feuerwerk bekommen, aber dem Stein hätte das Ganze wenig geschadet. Um hartes Gestein zu spalten, musste das Pulver verdichtet und die Explosion in den Stein gerichtet werden. Dafür schüttete man Sand und/oder Ton auf den Sprengstoff und verdichtete das Ganze mit einer Eisenstange. Sand und Ton dienten dabei einerseits dazu, dass die Eisenstange, die an den rauen Wänden der Löcher oft Funken schlug, das Pulver nicht zur Sprengung brachte, während man direkt davor stand. Andererseits hielt eine gut verdichtete Mischung auch die Wucht der Explosion zurück, sodass mehr der Sprengkraft in das Gestein hineingetrieben wurde.

Phineas Gage war in dieser Technik offenbar hochqualifiziert. Unter anderem hatte er die Eisenstange, mit welcher er arbeitete, extra nach seinen Anforderungen für sich anfertigen lassen. Am 13. September 1848 passierte Phineas Gage dennoch ein folgenschwerer Unfall. Soweit wir das beurteilen können, war entweder Gage oder sein Mitarbeiter, der die Schutzschicht hätte einfüllen sollen, abgelenkt worden. In Folge dessen stieß Gage mit seiner Eisenstange in ein Bohrloch voll Sprengstoff, das noch nicht oder nicht ausreichend mit Sand und Ton versiegelt worden war. Das Metall schlug einen Funken und die Ladung explodierte mit großer Wucht. Berichte darüber, was genau den Vorfall auslöste, dürfen mit einiger Skepsis gelesen werden, denn Augenzeugenberichte von Unfällen sind notorisch unzuverlässig. Ehrlicher wäre es wohl anzuerkennen, dass wir den genauen Hergang nicht rekonstruieren können.

Auch was dann passierte, ist durch spätere Legendenbildung oft verfälscht dargestellt. Sicher ist, dass die Eisenstange mit solcher Wucht aus dem Loch geschleudert wurde, dass sie Phineas Gage direkt durch den Schädel schoss und erst viele Meter hinter ihm wieder aufschlug. Die mehr als 3 cm breite und über einen Meter lange Metallstange wurde dabei nicht mittig durch Gages Hirn getrieben, sondern stieß nur durch die linke Hälfte seines Schädels, durch die linke Wange trat sie sein und flog fast gerade entlang der Schädelachse durch die linke Großhirnhälfte und durch den linken oberen Schädelknochen wieder heraus (Fotos des Schädels unten). „Nur“ ist hier ein seltsamer Begriff, denn normalerweise wäre auch so eine Verletzung tödlich gewesen.

Doch Phineas Gage überlebte das Unglück nicht bloß, er war sogar nach wenigen Minuten wieder bei Bewusstsein und konnte ohne große Hilfe zum Karren gehen und sich über einen Kilometer in die Stadt bringen lassen. Als der Arzt Edward H. Williams ihn 30 Minuten später behandelte, war er völlig überrumpelt, wie der blutüberströmte Gage ihn mit einem Scherz auf den Lippen begrüßte, während seine Hirnmasse durch die Wunde deutlich zu erkennen war und pulsierte vor Schädigung. Sein Patient blieb sogar bei Bewusstsein, als er während der Behandlung eine nennenswerte Menge an Gehirngewebe erbrach, welches er in den bewusstlosen Minuten nach dem Umfall anscheinend verschluckt hatte. Williams bemerkte durchaus, wie Phineas Gage ihm nach und nach wegdämmerte, als Mediziner erkannte er aber weiterhin völlig überrascht, dass Gage nicht etwa langsam am Hirnschaden verstarb, sondern bloß aufgrund des Blutverlustes schwächlich wurde. Dass Gages Arme und sein Gesicht durch die Hitze der Explosion auch noch Verbrennungen trugen, machte diesen Umstand nicht weniger verwunderlich. Nachdem er verbunden worden war, sollte er tatsächlich überleben und nach ein paar Monaten das Krankenbett verlassen können.

In dieser Zeit schwankte er täglich zwischen wach und weitestgehend klardenkend, und benebelt bis komatös hin und her. Seine Wunde infizierte sich, wodurch er auf dem linken Auge auch erblindete. Dass er diese Infektionen überlebte, hatte er vor allem der Erfahrung seines Arztes zu verdanken, welcher sich mit Schädelwunden sehr gut auskannte. Nach einem Monat konnte Gage aufstehen und laufen. Nach zehn Wochen war er weit genug geheilt, dass er in das Haus seiner Eltern entlassen werden konnte.

Ob man damit sagen kann, Phineas Gage hätte seinen Unfall wie durch ein Wunder überlebt, ist keine banale Frage. Denn während der Mensch (wenn auch schwer geschädigt) überlebte, könnte man argumentieren, die Person Phineas Gage wäre gestorben oder zumindest ebenso sehr schwer verstümmelt worden. Er war nicht bloß links erblindet und entstellt, sein Intellekt, sein Erinnerungsvermögen und auch seine moralische Intuition hatten merklich gelitten. Vorher ein kluger und aufgeweckter Geist, war er nun deutlich intellektuell einschränkt. Vorher ein freundlicher und ehrlicher Mann wurde er sehr viel schwieriger im Umgang, unbeherrscht und impulsiv, mogelte immer öfter, verlor viel Feingefühl und Gewissen, hatte deutliche Probleme, das (moralisch) Richtige zu erkennen.

Diese Tatsache sorgte dafür, dass Gages Geschichte im Laufe der nächsten Jahrzehnte deutlich aufgebauscht wurde. Er wurde immer mehr als ein Monster dargestellt, welches nach seinem Unfall nicht mehr unter Leute gekonnt hätte, grausam und gewalttätig geworden wäre, stehlend oder gar mordend durch die Gegend gezogen wäre. Sein einziges Einkommen wäre gewesen, sich selbst im Zirkus auszustellen wie ein besonders abscheuliches Tier. Diese Darstellungen wurden unter anderem verwendet, um pseudowissenschaftlichen Unfug wie Phrenologie (die Irrlehre, der Charakter eines Menschen ließe sich von seiner Schädelform ableiten) oder Lobotomie (die grausame Praxis, psychisch Kranke zu „heilen“, indem man einen Teil ihres Frontalhirns entfernte) zu untermauern.

Die Wirklichkeit war weniger dramatisch. Phineas Gage wurde eingeschränkt, auch in seinen moralischen Möglichkeiten. Aber er wurde kein Monster. Er trat auch keinem Zirkus bei, auch wenn er nicht weiter als Sprengmeister arbeiten durfte. Er zog nach Chile, wo er von 1852 bis 1859 Fernkutschen führte, welche Waren und Fahrgäste über große Strecken transportierten. Dabei kam er sowohl mit Kunden als auch mit Mitarbeitern in Kontakt – keine Tätigkeit, die man sieben Jahre lang ausführen kann, wenn man ein Monster ist. Vor allem verbesserte sich sein Zustand mit der Zeit. Gage wurde nie wieder der alte, aber seine mentalen Fähigkeiten und auch sein Gewissen und sein Sozialverhalten durchliefen eine zunehmende Besserung, als sich sein Hirn regenerierte. Sein moralischer Kompass war gestört wurde und wurde nie wieder ganz heil, aber er war auch nicht völlig zertrümmert und verbesserte sich mit der Zeit merklich.

Dieser letzte Punkt ist ziemlich bedeutend. Denn auch wenn der Umfang des Schadens an Gages Persönlichkeit später übertrieben wurde, war er nicht null. Und er wurde in dem Maße besser, indem sein Gehirn Zeit hatte, zu heilen. Gages Unfall war unser erster klarer Beleg dafür, dass Verhalten und auch moralisches Urteil Funktionen des Gehirns sind. Denken unds Fühlen sind, was das Hirn tut, so wie Blutpumpen ist, was das Herz tut.

Deshalb sind Phineas Gage und sein Schicksal heute Teil der Standardlektüre der Neurologie. So sehr sogar ist er das Standardbeispiel, dass sich Wissenschaftsleugner völlig auf ihn einschießen und versuchen, seinen Fall wegzudiskutieren. Dabei ignorieren sie komplett, dass Gage nur der erste einer ganzen Bandbreite von Belegen für diese Erkenntnis war. Es sollte noch viele weitere Fälle gebe, in denen man Hirnschäden mit Denk- und/oder Verhaltensstörungen verknüpfen konnte. Gage war nur der erste, was diese Leugner einfach ausblenden. (Ähnlich wie Kreationisten gerne nur Darwins Forschung kritisieren, als hätte es seit Darwin keine weiteren Ergebnisse der Evolutionsbiologie gegeben.)

Gage bekam von dieser Diskussion wenig bis gar nichts mit. Sein einziger direkter Beitrag zur Forschung war bloß, seine Eisenstange 1849 an ein medizinisches Museum gegeben zu haben. Ein Jahr später holte er sich diese aber wieder und nahm sie für den Rest seines Lebens stets mit sich. Seine Gesundheit verschlechterte sich 1859 merklich, weshalb Gage nach San Francisco zurückkehrte. 1860 entwickelte er epileptische Anfälle und wurde arbeitsunfähig. Kurz darauf verstarb er mit 36 Jahren an diesen Spätfolgen seiner Hirnverletzung, vermutlich hatte sich eine Infektion durch seinen perforierten Schädel in sein Gehirn setzen können. Er wurde auf einem Friedhof in San Francisco begraben. 1866 wurde sein Schädel mit Zustimmung seiner Familie exhumiert und ging in die Forschung ein.

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