Elfie Donnelly, geistige Mutter von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg

Name: Elfie Donnelly

Lebensdaten: geboren am 14. Januar 1950 in London

In aller Kürze: „Törö!“ und „Hex, hex!“ – die Autorin Elfie Donnelly erfand sowohl Benjamin Blümchen als auch Bibi Blocksberg.

Im Detail: Elfie Donnellys Lebensweg begann auf eine Weise, die durchaus nicht selten war in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Männer Deutschlands und Österreichs waren an die Front geschickt worden und oft nicht wiedergekehrt – gefallen oder in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten. Dafür waren diese beiden Länder von alliierten Soldaten besetzt, die in aller Regel ledige Männer waren. Infolgedessen war die vor der Besatzungszeit von den alliierten Generälen befürchtete Fraternisierung nicht bloß an der Tagesordnung, sie ging oft genug bis zur Verheiratung. (Besonders in Deutschland war das Ansehen der westlichen Besatzungstruppen durch die Luftbrücke nach Berlin 1948 bis 1949 extrem gestiegen, sodass solche Ehen häufig wurden.)

So kam es, dass ein britischer Soldat eine Österreicherin in Wien kennenlernte. Die beiden heirateten und zogen nach England, wo Elfie Donnelly 1950 in London als ihr erstes Kind geboren wurde – was auch erklärt, warum eine wichtige Autorin erzdeutscher Kinderunterhaltung einen englischen Nachnamen trägt.

Die Ehe der Eltern hatte jedoch keinen Bestand. Nach der Scheidung kam Elfie zunächst zu ihrem Vater, wie es im damaligen britischen Recht Usus war, wenn die Mutter keine britische Bürgerin war. Doch der Vater hatte kaum Zeit für seine Tochter, weil er zu viel arbeiten musste. Deshalb kam sie bei ihren Großeltern väterlicherseits unter. Mit vier Jahren zog sie dann zur Mutter, die mittlerweile wieder in Wien lebte. Doch die Mutter hatte kaum Zeit für ihre Tochter, weil sie zu viel arbeiten musste. Deshalb kam sie bei ihren Großeltern mütterlicherseits unter. (Jener Satz mag Ihnen vage bekannt vorkommen.)

Diese Großeltern in Wien waren sehr prägend für Elfie Donnelly. Ihr Opa war nicht nur Stalinist, sondern auch absoluter Büchernarr. Die Enkelin bekam also einen starken Impuls in Richtung der Schreibkunst.

Trotzdem war ihr Weg dorthin alles andere als gradlinig. Im Jahr 1965, als Elfie Donnelly 15 war, verstarb ihre Mutter. Laut eigener Aussage war sie auch kein einfaches Kind und keine gute Schülerin. Mit siebzehn wurde sie schwanger und heiratete – zwei Dinge, die damals noch sehr viel stärker kausal verknüpft waren als heute, wie schon beim Thema Gretna Green erwähnt. Die Ehe hielt dennoch nicht lange.

Elfie Donnellys erste Schreibtätigkeit war nicht etwa in der Belletristik, sondern hoffentlich sachlich, arbeitete sie doch als Journalistin und als Texterin für die Austrian Presse Agentur, APA.

Den großen Umbruch erlebte Donnelly dann mit 23 Jahren. 1973 zog sie nach Berlin und heiratete Peter Lustig, der in der deutschen Kinderunterhaltung ebenfalls einen legendären Ruf hat. Sie schrieb hier ihre ersten Hörspiele für Kinder und verfasste ihr erstes Kinderbuch: Servus Opa, sagte ich leise, ein Buch darüber, wie ein kleiner Junge den Tod seines Großvaters erlebt. Es erschien 1976 und erhielt den deutschen Jugendbuchpreis und den Hans-im-Glück-Preis.

Im nächsten Jahr kam dann die erste Folge einer Hörspielreihe heraus, für die Donnelly 65 Folgen schreiben sollte und deren extremer Erfolg die Autorin auch mit nennenswerten Tantiemen versorgen sollte: Ab 1977 erfreute der sprechende Elefant Benjamin Blümchen die Kinder der Nation.

Ab 1980 kam noch die kleine Hexe Bibi Blocksberg hinzu, deren Abenteuer in derselben fiktiven Stadt spielten – nämlich Neustadt.

Der Name dieser Stadt ist bereits ein erster Hinweis darauf, warum diese beiden Hörspielreihen so prägend und erfolgreich waren und sind. Nicht nur sind die Geschichten, die Elfie Donnelly und spätere Autoren schrieben, wirklich gut (aus Kindersicht), sondern das Format nutzt die Chancen des Mediums Hörspiel auch vollumfänglich.

Es ist eben kein Zufall, dass die Stadt Neustadt heißt, denn damit kann der Ort überall in Deutschland liegen. Es gibt in Summe 18 Städte in der Bundesrepublik, die den Namen Neustadt tragen. So rückt die Stadt für die kindlichen Hörer direkt näher, weshalb sich der Name Neustadt anbietet. (Oliver Hassencamps Burg Schreckenstein liegt auch in der Nähe von Neustadt.)

Die Konzepte der Hörspiele sind extra auf die auditive Vermittlung abgestimmt. Das beginnt mit einprägsamen Sprüchen („Törö!“ und „Hex, hex!“) und endet bei Handlungen, die gewählt wurden, sodass sie spannend als Hörspiel vermittelt werden können.

Auch die Namen der Figuren sind häufig sprechend (z. B. Karla Kolumna), sodass der Zuhörer sofort daran erinnert wird, was die Figur tut. Das war besonders wichtig, weil damals nur alle paar Monate eine neue Folge erschien. Ein Kind hatte also jede Menge Zeit, die Nebenfiguren zwischenzeitig zu vergessen, selbst wenn es reich beschenkt genug war, jede Folge sofort zu bekommen.

Des Weiteren wird die Handlung durch einen Erzähler übermittelt, mit dessen Rolle das Format spielt. Besonders bei Benjamin Blümchen durchbricht dieser gelegentlich die Vierte Wand und beklagt bspw. einen leckeren Kuchen nicht mitessen zu können, oder wundert sich zusammen mit den Zuhörern, was eine Figur wohl vorhaben mag.

Der Erfolg von Elfie Donnellys Werken ist auch essenziell mit der Technologie der Musikkassette verbunden, die 1963 auf den Markt kam und Ende der 70er, Anfang der 80er für den Massenmarkt bezahlbar geworden war. Die klassischen roten und gelben Streifen auf dem Rücken ihrer Kassetten werden bis heute mit den beiden Hörspielen assoziiert und stellen deshalb auch die Grundlage des Bildes zu diesem Artikel.

Diese Technologie ist auch der Grund dafür, warum sich diese Serien bis heute halten. Die 1980er waren das erste Jahrzehnt, in dem die Aufzeichnungs- und Speichertechnologien so weit entwickelt waren, dass die Erzeugnisse der Popkultur praktisch lückenlos bis heute bewahrt werden konnten. Vor 200 Jahren konnte nur die erfolgreichsten Theaterstücke 40 Jahre später noch einmal genossen werden. Heute können auch die kleinsten Kinder die ersten Folgen Bibi Blocksberg hören. (Und reagieren einigermaßen verwundert, wenn sie erfahren, dass „Bibi“ die Koseform von „Brigitte“ ist. So heißen junge Mädchen heute doch eher selten.)

Diese Kombination aus geschickter Schreibe und technischer Grundlage verschaffte den beiden Hörspielen eine enorme Wirkung. Wegen dieser Ausrichtung bleiben beide Franchises auch bis heute vor allem Hörspieluniversen. Trotz Zeichentrick und Realverfilmungen, Comics und Videospiele, konnten sich Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg beide als starke Marken in der Hörunterhaltung etablieren und bis heute halten. Alle anderen Medien sind Beiwerk. (Vergleichen Sie dies mit Superhelden-Comics, die in ihrem Genre längst von Kinofilmen als Primärmedium abgelöst wurden.)

Überraschend kam es dennoch. Niemand hatte mit so einem durchschlagenden Erfolg gerechnet, was man auch daran erkennt, dass die Rolle von Benjamins Freund Otto zunächst mit zwei Jungen besetzt war, die jeweils wegen Stimmbruchs ausgetauscht werden mussten. Seit Folge 34 wird Otto von einer Frau, Katja Primel, gesprochen, wie es bei langlaufenden Serien Usus für kleine Jungen ist. (Bart Simpson bspw. wird im Deutschen seit über 30 Jahren von Sandra Schwittau gesprochen.)

Dieser Aufstieg ihrer beiden Kreationen brachte Elfie Donnelly jede Mengen Einnahmen. Es wäre übertrieben, sie als reich zu bezeichnen, aber sie hatte durchaus mehr Geld, als sie brauchte.

Doch weil Geld nicht glücklich macht, durchlebte Donnelly mit 30 eine Sinnkrise. Sie schloss sich einem indischen Guru an, von dem sie sich später wieder lossagen würde wegen seiner faschistischen Tendenzen. Sie würde sich auch noch mehrfach scheiden lassen und neu heiraten. Heute hat sie zwei erwachsene Söhne von unterschiedlichen Männern und wohnt auf Ibiza.

Neben diesen Wirren ging ihre Karriere dennoch weiter. Ab 2003 veröffentlichte sie Hörspiele und Bücher über Elea Eluanda, ein querschnittgelähmtes Mädchen, das mit einem indischen Jungen und einer magischen, sprechenden Eule befreundet ist.

In der Erwachsenenliteratur betätigte Donnelly sich mit zwei Krimis. Außerdem schrieb sie einen Reiseführer zu Mallorca. Allerdings konnte keines dieser Projekte auch nur annähernd an ihren Erfolg in der Kinderunterhaltung heranreichen. Sie gerieten bald in Vergessenheit, wogegen Benjamin und Bibi ihre Schöpferin vermutlich um Jahrzehnte überleben werden.

2 Kommentare zu „Elfie Donnelly, geistige Mutter von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg

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  1. „in aller Regel leidige Männer“: Die Frauen mochten die Männer zwar leiden, aber diese waren dennoch „ledig“. 🙂
    „die Grundlage des Bildes zu diesem Artikel“: Da ist kein Bild. Hat das Hochladen nicht geklappt?

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