Guido von Arezzo, Erfinder der Notenschrift

Name: Guido von Arezzo

Lebensdaten: zwischen 990 und 999 bis nach 1033 (sehr schlecht belegt)

In aller Kürze: Wenn wir heutzutage Musik niederschreiben wollen, haben wir eine raffinierte Notation zur Verfügung. Den ersten Schritt zu deren Entwicklung leistete der Mönch und Musiklehrer Guido von Arezzo.

Im Detail: Die Älteren unter meinen Lesern werden sich an das Jahr 1996 erinnern, als das Lied Macarena von Los del Río international durch die Charts zog. Die meisten von uns, die das Lied mitsingen wollten, konnten keinerlei Spanisch. Die einzige Methode: Den Macarena oft genug hören und die Worte immer wieder nachsingen, bis man es halbwegs hinbekommt. Diese Technik war alles andere als genau und dauerte ziemlich lange. Für einen geübten Spanischsprecher war das Problem dagegen auf Anhieb zu lösen: Er musste sich nur den niedergeschriebenen Text durchlesen. Weil die Schrift die Worte abbilden konnte und er diese Schrift erlernt hatte, wurde der Liedtext auf dem Papier übermittelt und nicht direkt durch die Musik.

In derselben Situation befand sich die (Westliche) Welt bis ins 11. Jahrhundert, wenn es um die Töne des Stückes selbst geht. Damals konnte man ein Lied nur lernen, indem jemand anders es einem immer wieder vorsang, bis man es nachsingen konnte. Erst die Notenschrift löste dieses Problem. Den zentralen Schritt dieser Entwicklung leistete ein italienischer Mönch in der kleinen Stadt Arezzo in der Toskana.

Es ist nur sehr wenig über das Leben dieses Musiklehrers und Entwicklers bekannt. In den Jahrhunderten nach seinem Wirken, als seine Bedeutung für die Musikgeschichte klar geworden war, wurden alle möglichen, weitgehend fiktiven Berichte über seinen Werdegang geschrieben. Diese sind jedoch praktisch ohne Wert. Als bescheidener Mönch hinterließ Guido von Arezzo einfach kaum einen Fußabdruck in den Quellen seiner Epoche. Spätere Quellen sind vor allem der Versuch von Städten, sich als Geburtsort oder Ausbildungsort von Guido von Arezzo darzustellen, um sich etwas Ruhm anzudichten.

Er muss irgendwann im Jahrzehnt vor dem Jahr 1000 geboren worden sein, vermutlich in Norditalien. Schon dieses Datum ist nicht gesichert und nur rekonstruiert aus einer späteren Quelle, die sein Leben Alter als 34 Jahre angab und irgendwann zwischen 1024 und 1033 entstanden sein muss.

Um ca. 1013 lebte Bruder Guido in der benediktinischen Abtei Pomposa. (Das liegt in Ferrara, wo der Fluss Po in die Adria mündet.) An dieser Abtei unterrichtete er Musik. Dabei setzte er innovative Methoden ein, die von seinen Mitmönchen nicht immer mit Begeisterung empfangen wurden. Vermutlich aufgrund dieses Widerstands (wieder nicht sicher belegt) wechselte er an die Kathedrale von Arezzo. Als Getreuer des dortigen Bischofs unterrichtete er dort ebenfalls Gesang.

Hier stellte er sein neues Konzept des Musikunterrichts und der musikalischen Notation fertig, deren Grundzüge er wohl schon in Pomposa entwickelt hatte.

Zu dieser Zeit gab es bereits Vorläufer der Notenschrift. Weit verbreitet waren die sogenannten Neumen – Lateinisch für Winke, so bezeichnet, weil sie den Handwinken der Musiklehrer nachempfunden waren. Diese standen an den Liedtexten und zeigen an, ob die Tonfolge hoch- oder runtergehen sollte. Sie gaben also nur relative Tonhöhen an und keine absoluten. Um dieses Problem zu lösen, hatten schon Vorgänger von Guido von Arezzo feste Notenlinien eingeführt. Beide diese Methoden waren gute Gedächtnisstützen, ermöglichten es jedoch nicht, ein Lied nur vom Blatt zu lernen, ohne es zu hören.

Guido von Arezzo fügte nun vier dieser Notenlinien zusammen und entwickelte den ersten Notenschlüssel. Jetzt konnten Tonhöhen sehr viel einfacher niedergeschrieben werden. Ca. im Jahr 1025 veröffentlichte er diese Konzepte in seinem Hauptwerk Kurze Abhandlung Guidos über die Regeln der musikalischen Kunst (lat.: Micrologus Guidonis de disciplina artis musicae). Auch wenn sich in ganz Italien viele Leser fanden, die das Werk begeistert aufnahmen, so war die Reaktion der meisten Musiker doch eher verhalten.

Noten sind für uns heute derart offensichtlich mit Musik verbunden, dass wir Musik mit Noten symbolisieren – es gibt sogar ein eigenes Emoji dafür. Aber das liegt an unserem Vorwissen. Für die damaligen Musiker war es nicht offensichtlich, dass man so etwas Komplexes wie die menschliche Stimme auf einfache Linien reduzieren könnte. Von Arezzos Notenschrift versprach, man könnte ein Lied zu singen lernen, welches man niemals gehört hatte. Das ist nicht nur ein sehr abstraktes Konzept, es wirkte auch zu gut, um wahr zu sein. Wenn Sie so wollen, ist Notenschrift die härteste Verlustkompression, die wir kennen und die trotzdem funktioniert. Gegen den Datenverlust bei der Musiknotation ist das MP3-Format geradezu harmlos.

Dass sich die Notenschrift trotzdem rasch durchsetzte, lag auch daran, dass Guido von Arezzo ein begabter Musiklehrer war und in seiner Schrift direkt eine Weise mitlieferte, wie man die neue Notation einfach erlernen konnte. Er orientierte sich dafür an einer Kirchenhymne, in der die erste Note jeder Zeile um einen Ton höher lag als in der davor:

Ut queant laxis

resonare fibris

Mira gestorum

famuli tuorum,

Solve polluti

labii reatum,

Sancte Iohannes.

(auf Deutsch in etwa: „Auf dass sie mit freien Stimmbändern von deinen wunderbaren Taten singen können, löse die Sünde von ihren verschmutzten Lippen, Heiliger Johannes.“)

Aus diesen Anfangssilben konstruierte Guido von Arezzo seine Tonleiter: Ut-Re-Mi-Fa-Sol-La. Diese kommt Ihnen vermutlich bekannt vor. Später änderte man Ut in das leichter zu singende Do und fügte die Note Ti hinzu, um eine Oktave zu umspannen: Do-Re-Mi-Fa-So(l)-La-Ti-Do.

Auf dieser Grundlage konnten viele Klöster und Kirchen die neue Notenschrift schnell erlernen. Dadurch konnten Lieder viel schneller eingeübt werden als zuvor. Diese Vorteile sorgten dafür, das von Arezzos Konzept sich rasch als innovativ herausstellte. Es war einfach zu nützlich, um auf Dauer von seinen Kritikern beiseite gewischt zu werden.

Auch Papst Johannes XIX. sah diese Vorteile der neuen Lehrmethode und berief Guido von Arezzo nach Rom, wo er vermutlich 1028 einem großen Rund von Klerikalen seine neue Technik vorstellen konnte. Seine Präsentation traf auf viel Interesse und bereitete den Weg zur kirchenweiten Akzeptanz. Der Mönch konnte jedoch nicht dauerhaft in Rom verweilen, da er da dortige Klima wohl nicht vertrug. Im Anschluss zog er wohl in ein Kloster wieder in der Nähe von Arezzo: Fonte Avellana, etwas östlich von der Stadt, nach der Guido seinen Beinamen erhielt.

Seine letzte urkundliche Erwähnung als lebende Person fällt auf den 20. Mai 1033. Wann und wie er danach verstarb, ist leider nicht bekannt. Guido von Arezzos Einfluss auf die Musikgeschichte ist dagegen unsterblich.

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