Alfred Korzybski – „Die Landkarte ist nicht das Gelände.“

Name: Alfred Habdank Skarbek Korzybski (ursprünglich: Alfred Władysław Augustyn Korzybski)

Lebensdaten: 3. Juli 1879 in Warschau bis 1. März 1950 in Lakeville, Connecticut

In aller Kürze: Alfred Korzybski war ein Ingenieur und allgemeiner Gelehrter, der in vielen Gebieten aktiv war und ein System namens „allgemeine Semantik“ entwickelte. Eine Lehre daraus hat bis heute ihre Bedeutung: „Die Landkarte ist nicht das Gelände.“ (Englisch: „The map is not the territory.“)

Im Detail: Als Alfred Korzybski in Warschau geboren wurde, gehörte die Stadt zum Russischen Reich, wurde vor allem von Polen bewohnt, hatte aber auch viele deutsche und jüdische Einwohner. Korzybski stammte aus einer polnischen Aristokratenfamilie und war intelligent genug, schon als Kind vier Sprachen fließend zu beherrschen: Polnisch, Russisch, Deutsch und Französisch.

Er wurde Ingenieur und diente im Ersten Weltkrieg in der russischen Armee als Offizier in der Aufklärung. Nach einer Beinverletzung ging er 1916 nach Nordamerika, um in Kanada und den USA für den Kriegseinsatz zu werben. Dort lernte er auch seine spätere Ehefrau kennen. Im Jahre 1918 heiratete Korzybski die Malerin Mira Edgerly.

Nach dem Krieg blieb er in Amerika und widmete sich Alfred Korzybski der Philosophie, wobei viele seiner Thesen doch recht gewagt waren. Bedeutend ist er heute daher nur wegen eines dieser Konzepte: der Relation zwischen Landkarte und Gelände.

Das Universum ist uns nicht direkt zugänglich, sondern wir bilden uns immer ein mentales Modell der Welt um uns herum. Deshalb gibt es beispielsweise optische Täuschungen, weil unser Gehirn die Impulse der Augen zu einem falschen Modell zusammenbaut.

Das gilt nicht nur für direkte Wahrnehmungen. Auch unsere Erwartungen, wie Naturgesetze funktionieren oder wie sich unsere Mitmenschen benehmen werden, sind am Ende Modelle. All unser Verstehen passiert durch Abbilder der Welt in unserem Geiste – angefangen bei banalen Sinneseindrücken bis zu den komplexen (oft mathematischen) Theorien, die die Wissenschaft entwickelt.

Für all diese Modelle (und somit für all unser Verständnis) gilt Korzybskis Lehre: Die Landkarte ist nicht das Gelände.

Unser Modell von der Welt (sei es ein explizites wissenschaftliches Modell oder ein implizites mentales Modell) ist nicht die Welt selbst. Es ist eine vereinfachte Abbildung.

Und das muss so sein. Eine Karte im Maßstab 1:1, die pro Kilometer einen Kilometer groß wäre, wäre sehr beeindruckend und vollkommen nutzlos. Der Witz ist nicht, perfekte Modelle zu haben, sondern nützliche Modelle. Und die Grenzen dieser Modelle zu sehen.

Deshalb passieren schwere Denkfehler, wenn man Landkarte und Gelände verwechselt. Bspw. ist die Frage nach der Feinabstimmung des Universums keine davon, warum das Universum so seltsam sei (egal, wie viel Populärliteratur damit Gott/Mystik/Paralleluniversen/usw. belegen will), sondern davon, warum unser Modell so seltsam sei. Das ist einfach nicht dasselbe.

Es gibt auch alltägliche Fälle: Wenn jemand erfährt, ich sei verheiratet, nimmt er meistens an, ich wäre mit einer deutschen Frau verheiratet. Das stimmt nicht, meine Frau ist Polin. Aber es ist trotzdem vollkommen gerechtfertigt, das erst einmal anzunehmen. Die Basisraten sind da deutlich auf seiner Seite. Der Denkfehler wäre, zu glauben, ich könnte ausschließlich mit einer Deutschen verheiratet sein. Denn dann sähe man die Grenzen seines Modells nicht mehr. (In ähnlicher Weise übertragbar, wäre ich bspw. mit einem Mann verheiratet.)

Und deshalb ist Alfred Korzybski jenen ein Begriff, die sich mit rationalem Denken befassen. Dem Rest der Menschheit sagt sein Name nichts.

2 Kommentare zu „Alfred Korzybski – „Die Landkarte ist nicht das Gelände.“

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    1. Das ist eine sehr gute Frage, deren Antwort überraschend komplex ist. Stark vereinfacht kann man die Juden in Warschau in zwei Gruppen teilen:

      Die ersten Juden, die nach Polen kamen, kamen im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit aus dem Westen (was heute Deutschland wäre). Diese kamen vor allem freiwillig und wurden bewusst angeworben, weil man sie als Verwalter schätzte. Aufgrund ihrer hohen Bildung (unter anderem in Mathe), waren sie hier gefragt. Außerdem standen sie als Juden außerhalb der christlichen Feudalherrschaft und konnten daher den Herrschern nie gefährlich werden, für die sie verwalteten. Diese Juden hatten seit sehr langer Zeit in Polen gelebt und waren in Warschau gut integriert.

      Nun wurde Warschau im Zuge der polnischen Teilungen Teil des Russischen Reichs. Im 19. Jhd. herrschte horrender Antisemitismus in Russland und das Reich hatte das Ziel, alle Juden aus dem Kernrussland in die Randstaaten zu deportieren. Auf diesem Wege kamen sehr viele weitere Juden nach Warschau. Und die waren zu Korzybskis Zeit überhaupt nicht integriert. Häufig sprachen die nur ihre eigene Sprache und keinerlei Russisch, Polnisch oder Deutsch; und empfanden sich definitiv nicht als Russen, Polen oder Deutsche.

      Diese beiden Gruppen mochten sich übrigens überhaupt nicht. Aus heutiger Sicht sehen wir die Juden häufig als eine Gruppe. Aber damals war das eine zionistische Position. Man denke an den Ersten Weltkrieg, in dem die meisten deutschen Juden wenig Probleme damit hatten, französische Juden zu töten. (Siehe: Fritz Haber, der hier auch noch einmal einen Artikel kriegen wird.)

      Wen das interessiert, dem kann ich (nach der Pandemie) das Museum der jüdischen Geschichte in Warschau sehr empfehlen. Das ist sehr gut gemacht, bietet gute Führungen auf Deutsch an und verkauft sehr leckeres vegetarisches Essen.

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