Günter Neumann – erfand Otto Normalverbraucher

Name: Günter Christian Ludwig Neumann

Lebensdaten: 19. März 1913 in Berlin bis 17. Oktober 1972 in München

In aller Kürze: Günter Neumann war ein Kabarettist, Texter und Drehbuchschreiber, der für das Drehbuch des Trümmerfilms Berliner Ballade 1948 die Figur des Otto Normalverbrauchers erfand.

Im Detail: Wir hatte schon Victor Hase, dessen Name Hase war und der von nichts wusste. Heute geht es um Otto Normalverbraucher. Das ist eine stereotype Figur, die so sehr zum deutschen Sprachgebrauch gehört, dass Sie vielleicht noch nie darüber nachdachten, was für ein seltsamer Name das eigentlich ist. In vielen Sprachen gibt es solche Platzhalternamen – in Frankreich ist es Jean Dupont, in Großbritannien John Smith, in Amerika Joe Average, in Polen Jan Kowalski usw.  (In all diesen Ländern gibt es natürlich noch weitere Platzhalter, so wie wir auch Lieschen Müller, Max Mustermann usw. kennen.) All diese Platzhalternamen aus anderen Kulturen tragen entweder klassische Nachnamen oder heißen „Durchschnitt“.

Scheinbar nur im Deutschen wird der Durchschnittsbürger durch seinen Konsum definiert. Das ist doch seltsam, oder? – Zu tun hat es nichts mit Kapitalismus oder Konsumverwöhntheit, sondern es kommt aus einer viel düstereren Zeit. Günter Neumann erfand die Figur in den Nachkriegsjahren, im zerstörten Deutschland.

Neumann stammte aus Berlin und ging bald in die Kunst und das Kabarett. 1929, mit sechszehn Jahren schon, trat er als Klavierkomiker auf Bühnen auf. Von da an bis zum Zweiten Weltkrieg war er im Kabarett aktiv. Nachdem er zur Wehrmacht eingezogen worden war, setzte sich dieser Trend auf recht düstere Weise fort: Im Kriegsdienst gründete er ein Fronttheater; nachdem er in Kriegsgefangenschaft geraten war, ein Lagertheater.

Auch nach dem Krieg, als er nach Berlin zurückkehrte, blieb Günter Neumann der Kunst verbunden und schrieb und veranstaltete sofort wieder Kabarett. Bedeutend ist an dieser Stelle der Trümmerfilm Berliner Ballade, für den Neumann das Drehbuch schrieb. Berliner Ballade ist eine absurde Satire. Darin spielt der junge Gert Fröbe einen absoluten Durchschnittsbürger.

Doch wie nennt man so einen Durchschnittsmenschen? – Günter Neumann wählte den damals gewöhnlichen (und eigentlich recht langweiligen) Vornamen Otto. Der Nachname dagegen resultiert direkt aus der dramatischen Versorgungssituation in Deutschland. Nahrungsmittel waren sehr knapp und rationiert und die Menschen bekamen Lebensmittelkarten ausgestellt, um zumindest ein wenig des Essenziellen zu erhalten. Wie viel man bekam, hing davon ab, was man für jemand war. Kinder bekamen andere Lebensmittelkarten als bspw. Schwerarbeiter oder Schwangere. Doch die allermeisten Bürger waren eben „Normalverbraucher“. Und somit war Otto Normalverbraucher geboren und getauft. Bis heute ist er ein fester Bestandteil unseres Sprachgebrauchs, auch in Zeiten der Nahrungsüberversorgung.

Günter Neumann starb 1972 in München. Mit 59 Jahren erreichte er ein, für seine Generation, normales Alter.

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