Stella Liebeck – Verklagte McDonald’s zurecht für heißen Kaffee.

Name: Stella Liebeck

Lebensdaten: 14. Dezember 1912 in Norwich, England bis 5. August 2004

In aller Kürze: Von dieser Unprominenten haben vermutlich die meisten gehört, aber ein völlig falsches Bild. Denn Stella Liebeck verklagte McDonald’s zurecht, weil sie sich an heißem Kaffee verbrannt hatte. Dass die Details kaum bekannt sind, ist ein trauriges Beispiel für die Medienmacht von Großkonzernen.

Im Detail: Die angebliche Geschichte von Stella Liebeck ist eigentlich weltbekannt: Eine Frau verbrennt sich am Kaffee von McDonald’s, verklagt den Konzern, weil nicht draufstand, dass Kaffee heiß ist, und bekommt Millionen von Dollar, weil das amerikanische Rechtssystem bekloppt ist.

Doch wenn die Sache so einfach wäre, gäbe es diesen Artikel nicht. In Wahrheit wurde diese Darstellung vor allem von der PR-Abteilung des Fast-Food-Konzerns propagiert. Tatsächlich bekam Stella Liebeck sowohl von der Jury, als auch dem Richter Recht und McDonald’s gab dann außergerichtlich nachְ. Und wenn man die wirklichen Details kennt, dann fällt es schwer, dieses Urteil abzulehnen.

Über das Leben der Geschädigten ist tatsächlich wenig öffentlich bekannt, weil diese auch gar nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen wollte. Die künstlich aufgebauschte Empörung über das ihr zugestandene Schmerzensgeld zerrte sie dort bloß hin. Wir wissen, dass sie am 14. Dezember in Norwich in England geboren wurde. Irgendwann zog sie in die Vereinigten Staaten. Sie war einmal verheiratet, doch zum Zeitpunkt des Unfalls war sie bereits 79 Jahre alt und Witwe.

Am 27. Februar 1992 kaufte Liebeck einen Kaffee bei einem McDonald’s DriveIn in Albuquerque (das liegt im US-Bundesstaat New Mexico). Ihr Enkelsohn, der das Auto auch fuhr, parkte daraufhin auf dem Parkplatz. Der Wagen stand also, als sich der Unfall ereignete, was auch gelegentlich falsch dargestellt wird. Dort wollte Stella Liebeck den Deckel abnehmen, um Sahne und Zucker in ihr Getränk zu tun. Sie verschüttete den Kaffee und bekam den heißen Kaffee auf die Beine.

Soweit kennen Sie die Ereignisse vermutlich aus der populären Erzählung. Was bei der Geschichte meistens ausgelassen wird, ist die Tatsache, dass der Kaffee nicht einfach nur heiß war. McDonald’s hatte damals die strenge Vorgabe an alle Filialen, Kaffee müsse mit einer Temperatur von mindestens 82 °C und höchstens 88 °C verkauft werden. (In Grad Fahrenheit sind die Zahlen weniger krum: 180–190 °F).

Der Kaffee, der Stella Liebecks Beine traf, war also über 80 °C heiß und damit erheblich heißer als Kaffee für gewöhnlich getrunken wird. Wenn Sie sich zu Hause Kaffee bereiten, hat der selten über 60 °C. Aus gutem Grunde, denn wässrige Flüssigkeiten von über 80 °C können innerhalb von zwei Sekunden Hautkontakt Verbrennungen dritten Grades verursachen.

Stella Liebeck verbrannte sich nicht einfach nur etwas an heißem Kaffee, sie wurde schwer verletzt. Die alte Dame musste acht Tage im Krankenhaus bleiben. Ihr musste Haut transplantiert werden. Die Belastung für ihren Körper war massiv: Sie verlor 20 % ihres Körpergewichts und fiel auf bedrohlich niedrige 38 kg. Sie musste anschließend noch drei Woche von ihrer Tochter gepflegt werden. Wirklich gesund wurde sie nie wieder, dauerhaft entstellt und für die nächsten zwei Jahre teilweise behindert.

Auch schon in den 1990ern waren Krankenhausaufenthalte in den USA sehr teuer. Liebeck fielen 10.500 Dollar Kosten an. Und es war abzusehen, dass diese Summe noch weiter steigen würde – aufgrund von weiteren medizinischen Kosten und wegen des Verdienstausfalls von Liebecks Tochter, die sie pflegte.

Was Stella Liebeck jetzt nicht tat, war den Fast-Food-Konzern direkt auf Millionen zu verklagen. Zunächst einmal versuchte sie eine außergerichtliche Einigung zu erreichen und forderte von McDonald’s 20.000 Dollar. Man beachte, dass in dieser Summe noch nicht einmal Schmerzensgeld enthalten war.

Liebecks Forderung wurde von McDonald’s so nicht akzeptiert. Verdächtigerweise lehnte der Konzern das Gesuch aber auch nicht komplett ab, wie man es bei einer völlig unsinnigen Forderung täte. (Auch das müssen wir für später im Hinterkopf behalten.) Stattdessen boten die Anwälte des Fast-Food-Giganten Liebeck maue 800 Dollar an.

Liebeck lehnte dieses reichlich herablassende Angebot ab und forderte mehr. Als McDonald’s sich weiterhin weigerte, schaltete die verletzte Frau einen Anwalt ein. Dieser sah mit seiner Expertise, dass der Konzern sich noch deutlich mehr hatte zu Schulden kommen lassen und sich natürlich auch deutlich mehr leisten konnte.

Der Anwalt schlug zunächst 90.000 Dollar als außergerichtliche Einigung vor. Nachdem McDonald’s abgelehnt hatte, erhöhte Liebecks Jurist die Forderung auf 300.000 Dollar, worauf sich der Fast-Food-Riese weiterhin nicht einließ. Bezeichnend war vermutlich auch, dass ein angerufener, neutraler Schlichter tatsächlich ganze 225.000 Dollar vorschlug. Auch dies lehnte McDonald’s ab, sodass Stella Liebeck vor Gericht zog.

Der Prozess wurde von McDonald’s später als eine Art ungerechte Ausnahme dargestellt, als hätte sich ein Richter im Moment der Schwäche um den Finger wickeln lassen. In Wirklichkeit verlief das Ganze mit einigen vernichtenden Erkenntnissen über das Verhalten des verklagten Konzerns.

So kam zunächst ans Licht, dass dessen Kaffee sehr viel heißer war, als gewöhnlich – wie oben beschrieben. Mehr noch, McDonaldֹ’s konnte keinen guten Grund dafür angeben. Zunächst behaupteten die Anwälte, das Getränk würde für Kunden im Auto heißer ausgegeben, weil diese den Kaffee erst nach einiger Reisezeit tränken. Der Kaffee wäre somit absichtlich so heiß, damit nach etwas Abkühlzeit noch heißes Getränk vorläge.

Allerdings kam während des Prozesses ans Licht, dass die eigene Marktforschung des Fast-Food-Giganten schon längst gezeigt hatte, dass seine allermeisten Kunden den Kaffee sofort tranken. Nicht nur bedeutet das, dass McDonald’s versucht hatte, das Gericht zu belügen, es heißt auch, dass bis heute keinerlei Grund für die hohe Temperatur von dem Konzern kam. Eine naheliegende Hypothese wäre, dass die hohe Temperatur dem Restaurant Geld spart, weil das heiße Wasser Keime besser abtötet und man deshalb weniger Aufwand und Kosten mit der Reinigung der Maschine hat.

Sollte dies stimmen, so wäre die nächste Enthüllung der Verhandlung besonders vernichtend: Es kam nämlich ebenfalls ans Licht, dass McDonald’s in den zehn Jahren zuvor über 700 solche Fälle von Kunden mit Verbrennungen vorliegen hatte. Der Konzern hatte teilweise außergerichtlichen Schadensersatz von über einer halben Millionen Dollar geleistet. Die Jury sah dies als klares Anzeichen von Schuld – eine halbe Million zahlt auch ein Milliardenkonzern nicht aus Gutmütigkeit oder Versehen.

Die Jury befand McDonald’s zu 80 % als schuldig. Sie sprach Stella Liebeck zunächst einmal 160.000 Dollar Schadensersatz zu. Dazu kam aber noch die viel höhere Summe von 2,7 Millionen Dollar an sogenannten punitive damages. Punitive damages sind ein Konzept im amerikanischen Recht (und anderen englischsprachigen Rechtsräumen). Diese Sorte Schadensersatz wird auf den normalen Schadensersatz noch einmal draufgeschlagen, wenn das Gericht zu dem Schluss kommt, dass die angeklagte Partei sich derart verwerflich verhalten hat, dass sie besonders bestraft werden sollte. Der Großteil des Geldes war Liebeck also nicht zugesprochen, weil ihr Schaden so groß gewesen wäre, sondern weil McDonald’s nach über 700 Fällen die teils schweren Verletzungen seiner Kunden weiterhin billigend in Kauf nahm.

Diese punitive damages wurden vom Richter auf 480.000 Dollar reduziert, allerdings sehr wohl als erforderlich bestätigt. Sowohl Liebeck als auch McDonald’s wollten gegen das Urteil in Revision gehen, einigten sich dann aber außergerichtlich auf eine bis heute geheime Summe.

Mit ihrem Sieg vor Gericht, war das Drama für Stella Liebeck leider nicht vorbei. Der Milliardenkonzern konnte schließlich schlecht sagen: „Ja, um unseren Profit zu maximieren verbrennen wir gelegentlich unsere Kunden schwer. So ist das eben. Wo gehobelt wird, fallen Späne.“

Deshalb warf der Fast-Food-Gigant sofort seine gesamte Medienmacht gegen Liebeck und lies sie zu einem Beispiel für einen dreisten Erfolg vor dem amerikanischen Gerichtssystem hochstilisieren. Die Darstellung machte sich immer wieder darüber lustig, es wäre doch völlig klar, dass frisch gebrühter Kaffee heiß wäre – die extreme Temperatur des betreffenden Getränks wurde übergangen. Dabei half nicht nur das junge World Wide Web mit seiner Gerüchteküche, sondern auch der Einfluss des Konzerns auf die unterschiedlichen Nachrichtenformate der USA. Auch ich muss eingestehen, dass ich diese Hetzkampagne ungeprüft glaubte – ein ernüchterndes Beispiel für die manipulative Macht von Großkonzernen.

Stella Liebeck wurde den Rest ihres Lebens immer wieder angefeindet, weil sie sich gegen das fahrlässige Verhalten eines Konzerns gewehrt hatte. Wegen dieser Behandlung und ihres körperlichen Schadens wurde Liebeck nicht etwa glücklich mit dem Geld. Als sie am 5. August 2004 mit 91 Jahren verstarb, war der Betrag praktisch komplett aufgebraucht, um die Pflegekraft zu bezahlen, auf die Liebeck jetzt angewiesen war.

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