Edward Jenner, der Vater der Impfung

Name: Edward Jenner

Auch bekannt als: der Vater der Impfung, der Bezwinger der Pocken, laut Napoleon einer der größten Wohltäter der Menschheit

Lebensdaten: 17. Mai 1749 in Berkeley, Gloucestershire bis 26. Januar 1823 ebenda

In aller Kürze: Edward Jenner ist der Vater der Impfung. Er fand heraus, dass man Menschen absichtlich mit Kuhpocken infizieren kann, um sie immun gegen Pocken zu machen. Da war er nicht der erste, aber er baute darauf eine ganze Kampagne der systematischen Impfung auf, an deren Ende die Pocken, eine der schlimmsten Seuchen aller Zeiten, komplett ausgerottet wurden.

Im Detail: Wenn Sie sich die Oberarme eines Mitbürgers ansehen, der vor 1975 geboren wurde, könnten Sie dort eine sehr charakteristische Narbe entdecken. Klein, rund, eigentlich recht unscheinbar – aber lassen Sie sich davon nicht täuschen. Das ist eine Kriegsnarbe. Eine Kriegsnarbe vom Kampf gegen den vermutlich schrecklichsten Gegner der Geschichte, einen Widersacher so furchtbar und gnadenlos, dass er allein im 20. Jahrhundert mehrere hundert Millionen Opfer forderte; mehr als beide Weltkriege. Aber wie im Zweiten Weltkrieg war es ein Feind, der am Ende bezwungen wurde, weil sich die USA und die UdSSR gegen ihn verbündeten: die Pocken.

Die Pocken suchten die Menschheit schon seit Jahrtausenden heim. Sie befielen die alten Ägypter ebenso wie das erste Kalifat oder das chinesische Kaiserreich. Sie töteten und entstellten Unzählige, oft unter grausamen Schmerzen – Schätzungen ihrer Opferzahlen gehen wortwörtlich in die Milliarden. Ein radikales Beispiel ereignete sich, als die Europäer Amerika besiedelten. Sie brachten ihre Seuchen mit und die Pocken waren eine der Krankheiten, die über 90 % der Indianer umbrachten.

Doch am Ende wurden die Pocken besiegt. Zusammen mit der Rinderpest sind sie die einzige Krankheit, die die Menschheit bisher zur Gänze ausrotten konnte. (Auch wenn die Chancen gut stehen, dass die meisten von uns noch eine Welt ohne Polio erleben werden.) Und den Anfang dieses Siegeszugs machte der englische Arzt Edward Jenner.

Edward Jenner wurde am 17. Mai 1749 in Berkeley, Gloucestershire geboren. Sein Vater war der dortige Vikar und er sorgte dafür, dass Edward eine hohe Erziehung genoß. Er begann schon mit 14 Jahren eine Ausbildung zum Arzt, zunächst im nahegelegenen Chipping Sodbury, später in London. Ab 1773 war er als eigenständiger Arzt tätig, befasste sich aber auch mit der Forschung. Sein Forschungsinteresse umfasste dabei so unterschiedliche Themen wie Angina Pectoris und Kuckucke.

Doch ab 1796 begann er sein Lebenswerk. Zu Jenners Zeit gab es nur eine Methode, die Pocken vorzubeugen. Bei der sogenannten Variolation wurde einem Patient der Eiter aus den Pocken eines Überlebenden der Seuche gespritzt. Dabei wurden also abgeschwächte Pockenviren übertragen (nicht dass man damals schon gewusst hätte, was Viren sind). Diese Technik war 1721 aus dem Osmanischen Reich nach England gekommen. Sie funktionierte auch halbwegs (Jenner selbst war in seiner Jugend varioliert worden), hatte aber auch gelegentlich den Tod des Patienten zur Folge, weil auch abgeschwächte Pockenviren immer noch Pockenviren waren. Außerdem war ein variolierter Patient ansteckend und musste daher lange isoliert werden. Das machte diese gefährliche Methode auch noch sehr aufwendig und teuer genug, dass nur die Oberschicht sie sich leisten konnte. Doch zum Glück fand Jenner eine bessere Lösung.

Es war allgemein bekannt, dass Milchmädchen gegen Pocken immun waren. Wie Jenner (und andere vor ihm) zeigen konnten, lag das daran, dass diese sich früher oder später mit Kuhpocken ansteckten. Kuhpocken sind eine harmlose Infektion, die vor allem Rinder befällt. Aber sie sind den Pocken ähnlich genug, dass wer die Kuhpocken überstanden hat, auch gegen die echten Pocken immun ist. (Aus heutiger Sicht ist das wenig überraschend, weil die Pocken ursprünglich von Kühen stammen. Die Seuche entstand durch den Sprung über die Artengrenze. Aber das wusste man damals noch nicht.)

Jenner entwickelte also ein Verfahren, wie er den Eiter von Kuhpocken nehmen und damit einen Menschen impfen konnte. Sein erster Testkandidat war (aus heutiger Sicht ethisch fragwürdig) der achtjährige Sohn seines Gärtners: James Phipps wurde der erste Mensch, den Edward Jenner gegen Pocken impfte. (Das stellt das Gemälde oben dar.)

Er war damit allerdings nicht der erste Geimpfte überhaupt. Denn das Verfahren der Impfung mit Kuhpocken hatten Forscher in Deutschland und Großbritannien schon über 20 Jahre vorher entwickelt. Doch keiner dieser Forscher hatte seine Einsichten groß verbreiten können. Irgendwie war damals das Bewusstsein, wie sehr Wissenschaft die Welt verändern und verbessern kann, noch nicht so weit verbreitet wie heutzutage. Diese Erkenntnisse wurden gewonnen und dann wurde nichts Großes damit gemacht.

Was Edward Jenner zum Vater der Impfung machte, war, dass er es nicht dabei beließ. Er zeigte durch mehrfache Variolationsversuche, dass James Phipps nun immun gegen Pocken war. Er überprüfte seine Hypothese noch an 23 weiteren Probanden. Und er verwendete diese Belege, um eine großangelegte Impfkampagne ins Leben zu rufen mit der klaren Zielsetzung, die Pocken auszurotten.

Das gab seiner Leistung eine zuvor ungekannte Reichweite. In mehr und mehr Ländern wurden große Impfkampagnen durchgeführt. Und die Erfolge der Impfung sprachen für sich. Jenners Wirkung veränderte alle Gesellschaften der Welt. Die Pocken waren eine derart furchtbare Seuche mit so drastischen Auswirkungen auf die Zivilisation als Ganzes, dass Jenners Verfahren schon bald eine politische Dimension entwickelte.

Obwohl er mit den Briten im Krieg lag, ließ Napoleon all seine Soldaten impfen und verlieh Jenner einer Medaille. Als Edward Jenner ihm schrieb mit dem Gesuch, zwei englische Kriegsgefangene freizulassen, erfüllte ihm der französische Kaiser diesen Wunsch. Er könne einem der größten Wohltäter der Menschheit nichts abschlagen, so Napoleon.

Und diese politische Dimension blieb bestehen. Schlussendlich ausgerottet wurden die Pocken, als sich die USA und die UdSSR mitten im Kalten Krieg gegen sie verbündeten. Im Jahre 1980 wurde einer der schlimmsten Feinde der Menschheit als endgültig besiegt eingestuft. Die Britin Janet Parker, die fast einen eigenen Artikel auf diesem Blog verdienen könnte, war das letzte Opfer der Pocken. Sie hatte sich schon nicht mehr in freier Wildbahn damit infizieren können, sondern bekam das Virus in einem Forschungslabor, in dem noch die letzten Forschungen an Pocken durchgeführt wurden.

Heute haben mehr und mehr Menschen nie in einer Welt gelebt, in der es die Pocken gab, und können sich kaum ausmalen, wie furchtbar diese Seuche war und wie glücklich wir allein sein können, dass sie bezwungen wurde. Entsprechend kennen viel zu wenige Leute Edward Jenner, jenen Mann, den Napoleon zu Recht für einen der größten Wohltäter der Menschheit hielt.

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