Sophie von der Pfalz, Ursprung des britischen Königshauses

Name: Sophie, Prinzessin von der Pfalz, durch Heirat später Herzogin zu Braunschweig und Lüneburg und Kurfürstin von Braunschweig-Lüneburg

Auch bekannt als: Urahnin der Windsors; International ist sie auch als Sophie oder Sophia von Hannover bekannt, vor allem weil das Wort „Pfalz“ auszusprechen Nichtdeutschen oft schwerfällt.

Lebensdaten: 14. Oktober 1630 in Den Haag bis 8. Juni 1714 in Herrenhausen (heute ein Teil von Hannover)

In aller Kürze: Gewinnerin einer chaotischen Epoche der britischen Geschichte: Mit dem Act of Settlement von 1701 müssen alle Herrscher auf dem britischen Thron von Sophie von der Pfalz abstammen (und dürfen nicht katholisch sein).

Im Detail: Wie viele andere Königshäuser kann sich auch das britische auf eine jahrhundertealte Ahnenreihe berufen. Theoretisch geht deren Herrschaft auf der Insel auf Wilhelm den Eroberer zurück (1027 bis 1087). Wie so oft gehen Theorie und Praxis aber auseinander und in Wirklichkeit müssen seit dem Act of Settlement von 1701 alle britischen Monarchen von Sophie, Prinzessin von der Pfalz abstammen.

Prinzessin Sophie stammte aus sehr hohem Hause. Sie war das (sage und schreibe) zwölfte Kind des Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz. Ihre Mutter Elisabeth Stuart war eine Tochter des Königs Jakobs I./VI., der zwei Zahlen im Namen trägt, weil er sowohl König von England als auch Schottland war und die beiden Reiche unterschiedlich viele Jakobs vor ihm hatten. Ihr Vater war nominell König von Böhmen. Besagter König lebte aber bereits seit 1622 im Exil in Holland, weil er als Protestant in den Anfängen des Dreißigjährigen Krieges nach nur wenig mehr als einem Jahr Regentschaft hatte aus Böhmen fliegen müssen.

Diese internationale Herkunft der jungen Sophie war für adelige Kinder damals nichts Ungewöhnliches. Feudalherrschaft definierte sich selten nach nationalen Kriterien, sondern nach Familienbanden und Adelshäusern. So lernte sie von klein auf Englisch, Französisch, Deutsch und Niederländisch. (Die Grenze zwischen Deutsch und Niederländisch war damals sehr viel unschärfer als heute.)

Als Sophie zwei Jahre alt war, starb ihr Vater im Alter von nur 36 Jahren. Die nun verwitwete Mutter schickte ihre Kinder zu einer anderen Adelsfamilie in Leiden, damit sie dort aufgezogen würden. Später zog Sophie nach Heidelberg, wo ihr Bruder als Kurfürst residierte. Dort kümmerte sie sich wohl vor allem um ihren Neffen und ihre Nichte, weil ihr Bruder und dessen Ehefrau sich ständig zankten und allgemein schlechte Eltern waren.

Ansonsten war Sophies Leben eher unspektakulär, bis sie 1658, mit 28 Jahren, den Herzog Ernst August zu Braunschweig-Lüneburg heiratete. Ursprünglich war sie mit seinem älteren Bruder Georg Wilhelm verlobt, wechselte jedoch auf Ernst August, weil sich Georg Wilhelm bei einer Feier in Venedig eine „Infektion“ geholt hatte. Die ganze Aktion war ziemlich wild, weil dieser Wechsel passierte, um die Ehre von Braunschweig-Lüneburg zu bewahren. Die Verlobung ganz fallen zu lassen, wäre ein riesiger Skandal gewesen. Deshalb schob der ältere Bruder seinen jüngeren vor. Um die ganze Sache halbwegs gerade zu rücken, legte Georg Wilhelm dann noch ein Eheverzichtsversprechen ab. Denn ohne eheliche Kinder würde der Thron nach seinem Tode über seinen Bruder an dessen Kinder mit Sophie vererbt werden. Das Versprechen brach Georg Wilhelm später, aus der Ehe kam jedoch nur eine Tochter hervor, sodass Ernst August zum Herzog und später zum Kurfürsten wurde.

Sophie war somit Herzogin von Braunschweig-Lüneburg. An der Gestaltung der neu errichteten Residenz war sie übrigens umfassend beteiligt. (Einer ihrer Berater war dabei der berühmte Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz.)

Aus der Ehe mit Ernst August entstanden sieben Kinder, von denen das älteste besonders bedeutend war: Georg Ludwig wurde ab 1714 als Georg I. König von Großbritannien und Nordirland. Diese seltsame Wendung der Geschichte ergab sich so:

Großbritannien hatte sich bereits 1534 vom Katholizismus abgewandt. Unter Heinrich VIII. spaltete sich die englische Kirche von Rom ab, vor allem weil Rom die Ehe des Königs nicht annullieren wollte. Von da an entwickelten sich die Church of England und die katholische Kirche immer weiter auseinander, was zu massiven Spannungen führte. So wurden auf der Insel immer härtere antikatholische Gesetze erlassen.

1642 brach der englische Bürgerkrieg aus, in Folge dessen Karl I. enthauptet wurde und Oliver Cromwell die Herrschaft übernahm. Cromwells Herrschaft konnte sich aber nicht halten und mit der Krönung Karls II. wurde 1660 die Monarchie wieder hergestellt. Leider hatte der neue König keinerlei legitime Nachfahren, als er 1685 verstarb, und sein jüngerer Bruder Jakob II. bestieg den Thron. Nun war Jakob II. bereits 1668 zum Katholizismus konvertiert und hatte auch noch eine Katholikin geheiratet.

Plötzlich einen katholischen König zu haben, kam bei den britischen Eliten gar nicht gut an. Der neue Herrscher brachte jede Menge Katholiken in Ämter und Würden, die sonst an Leute aus der etablierten Aristokratie gefallen wären. Er setzte auch antikatholische Gesetze außer Kraft. Er hatte zwar aus erster Ehe zwei protestantische Töchter, aber 1688 gebar ihm seine Ehefrau einen Sohn. Dieser katholische Sohn, weil er eben männlich war, verdrängte seine protestantischen Halbschwestern als Thronfolger. Es kam erneut zu einem Bürgerkrieg, der aber sehr viel positiver als Glorious Revolution (glorreiche Revolution) bezeichnet wird, weil Geschichte von Siegern geschrieben wird.

Damit wurde Wilhelm III. auf den Thron gebracht, der Ehemann von Maria, einer der beiden protestantischen Töchter. Die Ehe blieb jedoch kinderlos, weshalb nach den Toden der beiden die zweite Schwester zur Königin Anne wurde. Aber auch Anne war kinder- und somit erbenlos. Sie war zwar ganze 17-mal schwanger, aber die meisten Schwangerschaften endeten in Fehlgeburten oder Säuglingstoden. Am längsten hielt ihr Sohn Wilhelm durch, der mit elf Jahren und lange vor seiner Mutter verstarb. Somit gab es keinen direkten Thronerben. Zum Glück hatte das Parlament dieses Problem bereits 1701 mit dem Act of Settlement gelöst.

Und damit kommen wir zum eigentlichen Punkt dieser verworrenen Geschichte: Dieses Gesetz legte fest, dass Katholiken von der Thronfolge ausgeschlossen sind, womit mehrere Dutzend Kandidaten nicht mehr in Frage kamen und man auf weiter entfernte Verwandte zurückgreifen musste. Auf Anne sollte dann eben Sophie von der Pfalz folgen. Das hatte für das Parlament mehrere Vorteile: Die Nachfolge war ohne allzu großes Konfliktpotential gesichert, ein katholischer Monarch war ausgeschlossen, und der neue Monarch käme aus Braunschweig-Lüneburg. Deutschland (das damals kein Staat war, sondern ein geografischer Sammelbegriff wie heute Balkan, Naher Osten oder Arabien) war 1701 so etwas wie das Hinterwäldlergebiet Europas. Einen Monarchen aus einem mächtigen Reich zu krönen, wäre einer indirekten Eroberung gleichgekommen. Aber vor einer Dame aus Hannover hatte niemand Angst.

Königin Anne war übrigens nicht gerade begeistert von der Idee, Sophie sollte ihr auf den Thron folgen. Sie war nicht einmal gewillt, ihre designierte Erbin zu treffen. Sie rechnete aber vermutlich auch nicht damit, es könnte wirklich soweit kommen, war Sophie doch 35 Jahre älter als sie.

Tatsächlich verstarb Sophie dann auch knapp zwei Monate vor Anne, sodass Sophies Sohn Georg Ludwig unter dem Namen Georg I. den britischen Thron bestieg. Bis heute müssen also alle Thronfolger einer der mächtigsten Monarchien der Erde die protestantischen Nachkommen von Sophie von der Pfalz sein. Bis zum Ersten Weltkrieg hatten die Häuser der britischen Regenten daher auch immer deutsche Namen. Erst während dieses Konflikts wollte er sich von Deutschland abgrenzen und Georg V. änderten den Namen seines Hauses von Sachsen-Coburg und Gotha auf Windsor, den es bis heute trägt.

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