Thomas Hobbes – Warum lassen wir uns regieren?

Name: Thomas Hobbes

Auch bekannt als: Vater der modernen Staatstheorie

Lebensdaten: 15. April 1588 in Westport, Wiltshire bis 14. Dezember 1679 in Derbyshire

In aller Kürze: Bei seinem Versuch, die absolutistische Monarchie zu verteidigen, schrieb Thomas Hobbes eines der zentralen Werke der politischen Theorie. Bis heute pägt sein Wirken das Selbstverständnis des modernen Staates und erklärt, warum es überhaupt Staaten gibt.

Im Detail: Das Leben von Thomas Hobbes war lang und immer wieder vom Chaos der gesellschaftlichen Konflikte geprägt. Erst mit 63 Jahren sollte er sein monumentales Hauptwerk veröffentlichen: Leviathan – oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und staatlichen Gemeinwesens (engl.: Leviathan or the Matter, Forme and Power of a Commonwealth Ecclesiasticall and Civil). Hobbes’ Weg dorthin sollte ein steiniger sein.

Geboren wurde er in Westport, heute Teil der Stadt Malmesbury im Süden Englands, am 5. April 1588. (Im 1582 eingeführten Gregorianischen Kalender wäre es der 15. April gewesen, aber in England wurde damals noch julianisch datiert.) Der Überlieferung nach war bereits seine Geburt durch den Krieg begleitet: Er sei eine Frühgeburt gewesen, weil seine Mutter durch die Nachricht von der anrückenden Spanisch Armada so gestresst worden sei, dass die Wehen eingesetzt hätten. Ob das wirklich so geschah, lässt sich heute schwerlich überprüfen. Weil Thomas Hobbes eben erst im hohen Alter wirklich einflussreich werden sollte, ist aus seiner Jugend wenig überliefert. Wir kennen nicht einmal den Namen der Frau, welche ihn angeblich aus Angst zu früh gebar.

Dass sein Vater, Thomas Hobbes Sr., Vikar in der Church of England war, ist dagegen gesichert. Obwohl er damit zu Klerus gehörte, hielt Hobbes Sr. wenig von Bildung. Dass sein Sohn trotzdem eine umfassende Erziehung genießen konnte, hatte dieser der Tatsache zu verdanken, dass der Vikar wohl auch in anderen Gebieten nicht unbedingt ein schillerndes Beispiel eines Priesters war: Offenbar leistete er sich eine öffentliche Prügellei mit anderen Geweihten der Church of England. Infolgedessen musste der Vater an einen anderen Teil Englands fliehen und die Familie bekam dessen Bruder zum Vormund, einen reichen Handschuhproduzenten namens Francis Hobbes. (Die Familie von der Mutter führen zu lassen, war in der sexistischen Gesellschaft damals undenkbar.)

Zu jener Zeit war die Familie bereits nach London umgezogen, sodass Thomas Hobbes erst auf eine Privatschule gehen konnte und anschließend in Oxford studierte. Er studierte wohl mit großer Neugier und Begeisterung. Was einerseits bedeutete, dass er sich ein breites Wissen aneigenete, aber andererseits auch hieß, dass sich Hobbes wenig um Lehrpläne scherte.

Während seines Studiums freundete sich Hobbes mit der Familie von William Cavendish, des Barons von Hardwick (später Earl of Devonshire), an und baute damit seine ersten Brücken zur Aristokratie. Hobbes unterrichtete auch als Tutor zwei Söhne dieser Familie und sollte bis zu seinem Lebensende mit ihnen befreundet sein.

Von 1610 bis 1615 begleitete Thomas Hobbes den Sohn William Cavendish (hieß genauso wie sein Vater, war aber zu diesem Zeitpunkt noch kein Baron) auf eine umfassende Europareise. Hier lernte Hobbes die wissenschaftlichen und philosophen Methoden des Kontinents kennen. Womöglich kam er in Venedig auch bereits mit den Staatstheorien Niccolò Machiavellis in Kontakt, welche viele Jahre später in seine Werke einfließen sollten.

Zunächst allerdings konzentrierte sich Hobbes auf seine sprachlichen Kompetenzen: Er konnte fließend Latein und Altgriechisch. Schon während seines Studiums hatte er begonnen, antike Werke ins Englische zu übersetzen. Auch die umgekehrte Richtung beherrschte er. So übersetzte er unter anderem für den Staatsmann und Philosophen Francis Bacon englische Texte ins Lateinische. Latein war damals die allgemeine Gelehrtensprache und englische Orginale mussten auf Latein herauskommen, um international rezipiert zu werden. Bis 1630 war dies Thomas Hobbes’ Haupttätigkeit.

Die folgenden Jahre arbeitete Hobbes primär als Tutor – von 1630 bis 1637 in Paris, ab 1637 wieder in London. In dieser Zeit befasst er sich auch mit Wissenschaft und Philosophie, aber es war eine reine Nebentätigkeit. Seine Schriften aus dieser Epoche sind auch heutiger Sicht wenig spektakulär, auch wenn sie bereits erste Ansätze erkennen lassen, die später zu Leviathan führen sollten. (Sein Buch De Cive von 1641 wird oft als „Proto-Leviathan“ angesehen.) In vielen Punkten würde er aber seine Meinung noch ändern, bevor er sein Hauptwerk veröffentlichen würde.

Alles in allem war Hobbes also ein begabter Intellektueller ohne große Bedeutung und wäre wohl auch ohne große Nachwirkung geblieben, hätte er die Zäsur des Englischen Bürgerkriegs nicht durchlebt. Dieser begann zwar erst 1642, seine ersten Beben kamen aber schon vorher, sodass Hobbes bereits 1640 wieder nach Paris floh.

Wie in den meisten Bürgerkriegen war auch die Situation in diesem sehr chaotisch. Nominell war es eine Auseinandersetzung zwischen den Anhängern des Königs Karl I., welcher Ambitionen hatte, absolutistischer Herrscher zu werden, und den Anhängern des englischen Parlaments. Aber es spielten auch die Konflikte zwischen Katholiken und verschiedenen protestantischen Konfektionen eine erhebliche Rolle. (Wir hatten die Auswüchse dieses Bürgerkrieges schon im Beitrag zu Sophie von der Pfalz gesehen.)

Der Englische Bürgerkrieg war sehr grausam und traumatisch für das Land. Circa 200.000 Menschen sollten von 1642 bis 1651 ihr Leben lassen. Die gesamte gesellschaftliche Ordnung wurde erschüttert. Es gipfelte gar damit, dass Karl I. 1649 von den Anhängern des Parlaments hingerichtet wurde (von deren Anführer, Oliver Cromwell, haben Sie vielleicht gehört) und dessen Sohn Karl II. ab 1651 daherhaft im Exil leben musste. Damit war zwischenzeitig die Monarchie in England beendet, auch wenn sie 1660 wiederkommen sollte.

Zwar war Thomas Hobbes von diesem Konflikt nicht direkt betroffen, aber viele seiner Bekannten und Freunde mussten aus England fliehen und trafen ihn in Paris. So bekam er auch in der französischen Hauptstadt die Schmerzen des Krieges mit. (Dass er 1647 eine schwere Krankheit nur knapp überlebte, wird Hobbes Weltsicht auch nicht gerade positiv gestimmt haben.)

Als Königstreuer stand er auf der Seite, die nach und nach den Bürgerkrieg verlor. Er stieg jedoch in diesem Lager auch immer weiter auf. Ab 1647 war er gar der Mathematiklehrer von Karl, Prinz von Wales, welcher 1649 zum König Karl II. gekrönt werden sollte. Karl II. war allerdings nur König von Schottland, weil England bereits an die Parlamentstreuen gefallen war. Er unternahm noch bis 1651 Versuche, England wiederzuerobern. Doch diese Kampagnen scheiterten und er konnte nur knapp entkommen. Bis zur Restauration der Monarchie 1660 musste er im Exil leben.

Damit endete der Englische Bürgerkrieg, doch er hatte tiefe Wunden gerissen. Nach diesem Konflikt war das Land traumatisiert und die Regierung befand sich in einer Legitimationskrise. Was könnte man tun, damit die Menschen sicher leben können? Wie sollte das Land weiter regiert werden? Und abstrakter gefragt, sollte es überhaupt eine Regierung geben?

Auch Thomas Hobbes stellten sich diese Fragen. Er empfand diesen Bürgerkrieg als sehr schmerzlich, auch wenn er ihm zu großen Teilen entkommen konnte. Als Anhänger der Monarchie und spezifisch der absolutistischen Monarchie verfasste er ein Buch, welches wir heute als sein Hauptwerk ansehen: Leviathan – oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und staatlichen Gemeinwesens (engl.: Leviathan or the Matter, Forme and Power of a Commonwealth Ecclesiasticall and Civil).

Darin will Hobbes erklären, warum die absolutistische Monarchie in einem christlichen Land die einzig vernünftigte Gesellschaftsform wäre. Anders als traditionelle Legitimationen der Monarchie berief sich Hobbes also nicht auf übernatürliche Begründungen wie Königsheil, Herrschaft der könglich überlegenen Blutlinie oder Gottes Gnade, sondern wollte die Monarchie rational begründen. Seine Perspektive ist hier von seiner düsteren Weltsicht geprägt: Er führt die Notwendigkeit der Monarchie auf die natürliche Grausamkeit des Menschen zurück.

Trotz dieses eher pessimistischen Menschenbildes ist sein rationaler Ansatz der Grund, warum Hobbes Leviathan bis heute ein prägendes Werk ist, auch wenn die wenigsten Politikwissenschaftler christliche Theokraten und/oder absolutistische Monarchisten sind. Während Hobbes endgültige Schlüsse uns heute fremd erscheinen, ist es ihr argumentativer Unterbau, welcher bis heute begründet, warum es Staaten gibt und warum diese Staaten ein Gewaltmonopol einfordern sollten. Wir alle leben unter einen Leviathan, die meisten von uns sind sehr glücklich, dass es ihn gibt.

Der Leviathan

Was soll das für ein Leviathan sein? Das Wort bezeichnet eigentlich ein biblisches Seeungeheuer. Aber es geht natürlich nicht um einen riesigen Wal, sonder um eine abstraskte Idee, für die Hobbes das Bild des Leviathans als Metapher verwendet.

Leviathan brauchte viele, viele Seiten, dieses Prinzip zu erklären. Heutzutage haben wir zum Glück bessere Beispiele, mit denen ich Ihnen das Konzept sehr viel schneller vermitteln kann. Das wichtigste davon kommt aus der Spieltheorie (einem verwirrend benannten Teilgebiet der Mathematik, das sich mit Konflikten befasst) und ist zunächst einmal nicht sonderlich moralisch: das Gefangenendilemma, welches von Merrill Flood und Melvin Dresher entwickelt wurde.

Das Szenario funktioniert wie folgt: Die Polizei hat zwei Verbrecher festgesetzt, nennen wir sie Alice und Bob. Das Problem ist, dass es wenig solide Beweise gibt, mit denen man die beiden belangen könnte. Nur mit den wenigen Indizienbeweisen könnte man die beiden allerdings höchstens zu jeweils zwei Jahren verurteilen.

Die einzige andere Möglichkeit wäre, dass einer aussagt. Dann kämen beide für vier Jahre ins Gefängnis. In einer Tabelle sähe es so aus:

Unter diesen Bedingungen gibt es keinerlei Grund für die beiden, nicht einfach die Aussage zu verweigern.

Aber die Staatsanwaltschaft ist da schlauer und nutzt eine Kronzeugenregelung. Wenn einer der beiden den anderen anschwärzt, dann muss der Kronzeuge nur für ein Jahr ins Gefängnis, sein Kumpel dafür für sechs Jahre. Aber, wenn sie beide einander verpetzen, dann kommen wieder beide für vier Jahre ins Gefängnis. Die beiden werden unabhängig voneinander befragt und haben keinerlei Ahnung, was der jeweils andere entscheiden wird. Schauen wir uns jetzt die Optionen in der Tabelle an, so sieht man vielleicht schon das Dilemma.

(In der Literatur gibt es Versionen mit anderen Zahlen für die Gefängnisjahre, aber das Muster bleibt immer gleich: Wenn nur einer mit der Polizei kooperiert, dann hat er es besser und sein Kumpel schlechter. Wenn sie beide einander verpetzen, dann sind beide schlechter dran, als hätten sie geschwiegen.)

Im Gefangenendilemma hat also jeder eine Wahl: Er kann kooperieren oder verraten. Aber eine echte Wahl ist es nicht, denn die beiden werden einander praktisch garantiert verraten, weil sie immer fürchten müssen, der jeweils andere täte es sonst. Wer kooperiert, während der andere verrät, der ist der Dumme in diesem Spiel.

Das mag jetzt zynisch klingen, aber Sie können es sich auch so anschauen: Vergleichen Sie mal die obere Spalte der Tabelle mit der unteren. Denn das ist die einzige Wahl, die Alice hat (was Bob tut, weiß Alice ja nicht). Sie kann entweder die obere Spalte wählen oder die untere. Und wenn Sie die Zahlen mal direkt abgleichen, dann ist die untere (also Verrat) definitiv die vernünftige Entscheidung. Ein Jahr ist besser als zwei und vier Jahre sind besser als sechs. Egal, was Bob entscheidet, in beiden Fällen ist Alice besser dran, wenn sie Bob verpfeift. Also werden die beiden einander mit Sicherheit in den Rücken fallen. Also werden sie mit Sicherheit vier Jahre statt zweien absitzen müssen. Also sind beide schlechter dran, weil sie in einem Dilemma feststecken, in dem es für beide besser wäre zu kooperieren, aber wenn nur einer verrät, er so große Vorteile hat und der andere so großen Schaden, dass Kooperation ausgeschlossen ist.

Doch es gibt einen Ausweg aus diesem Dilemma. Wenn Alice und Bob nervös schwitzend im Verhör sitzen, wollen sie einer Organisation angehören: der Mafia. Denn das organisierte Verbrechen löst das Dilemma mittels einer externen Autorität. Wenn die beiden Gefangenen in der Mafia sind, dann wissen sie: wer petzt, wird erschossen. Und schon kooperieren sie. Man mag das als Kooperation unter Zwang sehen, aber das ist ein wenig kurz gedacht. Wie gesagt, jeder der beiden möchte in der Mafia sein, möchte sich der Herrschaft der Mafia unterwerfen, denn diese garantiert auch die Kooperation des jeweils anderen. Das ist nicht bloß Zwang, das gibt unseren hypothetischen Verbrechern Sicherheit, Entspannung und Seelenfrieden, weil sie beiden dann in der komfortablen Lage sind, sicher zu wissen, dass der andere auf ihrer Seite sein wird – nicht aus wankelmütiger Gutherzigkeit, sondern aus dessen ganz simplem Eigeninteresse.

Gut, das erklärt jetzt, warum organisiertes Verbrechen funktioniert. Auf den ersten Blick scheint das aber wenig mit der Frage zu tun zu haben, warum es Staaten gibt. Selbst harte Anarchisten, die jede Form von Staat für Verbrechen halten, begründen dies nicht über Verbrecherverhöre.

Der Trick ist, dass die Idee des Gefangenendilemmas auf noch viel mehr Fälle angewendet werden kann. Wie das in der Mathematik oft vorkommt, handelt es sich hier um ein abstraktes Konzept, welches man immer wieder vorfinden kann.

Ein Gefangenendilemma im Allgemeinen ist jedwede Situation, in der es allen besser ginge, wenn sie kooperieren, aber (1) der Einzelne, der zum Verräter wird, einen massiven Nutzen davon hat, oder (2) diejenigen, die womöglich verraten wurden, einen enormen Schaden davon haben, oder (3) beides. Und deshalb kommt es geradezu zwangsläufig zum Konflikt.

Ich gebe Ihnen mal eine Liste von Beispielen, die allesamt Gefangenendilemmata darstellen:

Stellen Sie sich zwei Steinzeitmenschen vor, die miteinander Handel treiben könnten. Sagen wir, die eine besitzt filigrane Schnitzfiguren von großer Kunstfertigkeit und der andere hat dafür viele gute Äpfel gesammelt. Alice möchte Bobs Früchte und Bob möchte Alices Kunstwerke haben. Wenn die beiden Äpfel gegen Figuren tauschen, dann haben davon beide einen Mehrwert. Aber sie leben in einer Zeit, in der es noch keinerlei Polizei o. Ä. gibt. Und wenn einer von beiden den anderen einfach bestiehlt, dann bekommt er, was er will, ohne irgendetwas dafür hergeben zu müssen. Also muss jeder der beiden auf der Hut sein, was zumindest Energie, Aufwand und Nerven kostet. Vielleicht sogar gehen die beiden sich vorsorglich aus dem Weg und es kommt nicht zu dem Handel, der beiden zugutekäme. Im schlimmsten Fall versuchen gar beide, dem jeweils anderen zuvorzukommen und einander zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu überfallen. Das wird eine Eskalation zur Folge haben, die in Zeiten ohne Antibiotika durchaus tödlich enden kann.

Apropos zuvorkommen: Stellen wir uns nun zwei Amerikaner vor. Alice ist eine Einbrecherin und steigt nachts in Bobs Haus ein. Sie ist dabei recht laut und Bob wacht auf. Wie in Teilen Amerikas üblich, hat er natürlich eine Schusswaffe auf dem Nachtschrank. Er nimmt diese und geht nach unten. Im Wohnzimmer treffen die beiden aufeinander. Natürlich ist auch Alice bewaffnet. Eigentlich will keiner der beiden auf den andern schießen. Bob ist ein aufrechter Mensch, der niemand erschießen möchte. Und Alice ist zwar eine Einbrecherin, aber zur Mörderin will sie auch nicht werden. Dennoch werden die beiden aufeinander schießen, denn hier liegt ein Gefangenendilemma vor. Es wäre für beide besser, wenn niemand schösse. Aber wenn einer der beiden friedlich bleibt (also kooperiert) und der andere das Feuer eröffnet (verrät), dann ist der Kooperator tot und der Verräter lebt. Die Dramatik der Situation erzwingt ein Feuergefecht, wo sonst nur ein Fernseher geklaut worden wäre. Ergo, selbst wenn bereits ein Verbrechen passiert, kann ein Gefangenendilemma es noch schlimmer machen. (Das ist übrigens einer der Gründe, warum eine Feuerwaffe zur Selbstverteidigung zu besitzen, einen nachweislich gefährdeter statt sicherer macht. Tatsächlich hätte Bob die Polizei rufen sollen, damit diese externe Macht das Gefangenendilemma löst.)

Solch extreme Eskalation mag zunächst unplausibel klingen, aber sie tritt immer wieder ein. Das ist keine reine Spekulation. Es kommt unter Stammesgesellschaften bspw. immer wieder vor, dass ein Stamm einen anderen plötzlich angreift und vollständig auslöscht. Wenn man dann nachforscht, wofür dieser Genozid verübt wurde, dann bekommt man oft eine klare Antwort: „Wir mussten befürchten, dass die das sonst mit uns tun. Also mussten wir ihnen zuvorkommen.“ Unnötiges Abschlachten, weil es nichts gab, was einen Angegriffenen hätte schützen können.

Eskalation kann auch in Schritten passieren. Denken Sie an das Konzept der Familienrache – heutzutage vermutlich am bekanntesten aus Romeo und Julia. Die Familie schützt ihre Mitglieder und wenn eines angegriffen oder benachteiligt wird, übt sie Rache. Das Problem entsteht, wenn zwei Familien diese Einstellung haben. Denn jeder fühlt sich immer mehr geschädigt, als er anderen schadet. Also passiert Alice ein Unrecht durch Bob und Alices Familie bestraft Bob dafür. Doch Bobs Familie hält zu ihm, befindet die Strafe als zu hart und schlägt noch etwas härter zurück. Dann wehrt sich Alices Familie wieder usw. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, lässt am Ende alle blind und zahnlos zurück. Es wäre für beide Familien besser gewesen, hätten sie sich auf einen neutralen Richter einigen können, der unabhängig Urteile fällt.

Und wenn Sie sich im täglichen Leben umsehen, können Sie ständig Gefangenendilemmata entdecken. Denken Sie an schlecht geregelten Verkehr, bei dem jeder drängelt und sich alle damit gegenseitig aufhalten. Alle kommen langsamer voran, weil alle schneller vorankommen wollen. Und ihr Unfallrisiko ist auch größer, weil die Verkehrsregeln nicht eingefordert werden.

Warum werden Ressourcen, die allen gehören, so schamlos ausgebeutet? Weil derjenige, der mehr nimmt und damit die anderen verrät, einen so enormen Vorteil hat, dass man schön blöd wäre zu kooperieren.

Aber es gibt eben eine Lösung für all diese Dilemmata: Thomas Hobbes nannte sie den Leviathan. Er stellte sich darunter noch einen absolutistischen Herrscher vor, wir denke heute an das staatliche Gewaltmonopol. Aber das Prinzip bleibt dasselbe: Es gibt eine übergeordnete Autorität, die festlegt: „Hier erlässt überhaupt niemand irgendwelche Gesetze außer mir. Und niemand ahndet das Verstoßen dieser Gesetze außer mir.“

Hobbes gesteht an manchen Stellen zähnekrischend ein, auch eine andere Regierungsform als Absolutismus könnte diese Funktion des Leviathans erfüllen, auch wenn er da merklich nicht hinwill. Doch sein Eingeständnis lag richtig und wird heute noch ungesetzt, wogegen seine Fixierung auf den Absolutismus uns heute falsch erscheint. Denn der Leviathan ist weiterhin das Selbstverständnis eines jeden modernen Staates. In Deutschland erlässt nur der Staat die Gesetze und Verordnungen – andere dürfen das nicht. (Weil die BRD förderal organisiert ist, hat der Staat mehrere Ebenen, aber das ändert nichts am Grundprinzip des Gewaltmonopols.)

Diese Metatpher ist auf dem berühmten Einband des Werkes sehr schön verdeutlicht, wo der Leviathan (also die Staatsgewalt) aus einer Vielzahl von Menschen gebildet wird, die diesen Staat aufbauen. Auch wenn Hobbes also einen Monarchen an der Spitze sehen wollte, reflektiert sein Konzept durchaus, dass jeder Staatsapparat größer eines einzelnen Stammes aus einer Vielzahl von Menschen besteht. Dieser Kupferstich ist vermutlich eine der bekanntesten Illustrationen der Philosophiegeschichte.

Nach diesem Konzept sind richtig und falsch nicht in die Welt eingebaut oder durch Vernunft entdeckt, sondern werden von einer Gesellschaft festgelegt. Moral ist in dieser Ethik nichts Nebulöses, das man irgendwie entdecken müsste, sondern kommt ganz praktisch von uns. Dieses Konzept nennt sich ein Gesellschaftsvertrag. Und Hobbes sagt eben, genauso praktisch sei es notwendig, dass eine Gesellschaft nicht nur Regeln und Werte hervorbringt, sondern auch eine Regierung, die diese auch durchsetzt und den Frieden wart.

Denn ohne diese Staatsgewalt herrschen Chaos und Gewalt, oder wie Hobbes es formuliert: der Krieg von allen gegen alle, so dass das Leben „einsam, arm, schrecklich, grausam und kurz“ ist (engl.: „And the life of man solitary, poore, nasty, brutish, and short.“). Jeder Konflikt eskaliert aus der mathematischen Notwendigkeit des Gefangenendilemmas. Sahen Sie mal Bilder aus Gebieten, wo es keinen Staat gibt? Das ist nun wirklich kein Utopia, von dem wir da reden.

Und der Leviathan kann auf eine phänomenale Erfolgsgeschichte zurückblicken. Wir haben heutzutage die niedrigsten Verbrechensraten aller Zeiten. Noch nie wurden pro Kopf weniger Leute bestohlen, überfallen, verletzt oder gar ermordet. 1450 betrug die Mordrate in Deutschland ca. 16 pro 100.000 Einwohner pro Jahr, und war in Italien z. B. noch viel höher. Heute liegen wir bei ca. einem Mord pro 100.000 Einwohner pro. Dieser Abfall hatte mehrere Faktoren, aber der Schutz durch die zentrale Staatsgewalt war essentiell – sowohl in Form des Schutzes vor Verbrechern, aber auch des Schutzes von Verbrechern. Wenn jemand, der etwas Falsches getan hat, mit einer extremen Rache des Geschädigten (oder dessen Familie) rechnen muss, kommt es wieder zu einer Eskalationsspirale. Die kann der Leviathan eben effektiv verhindern.

Auf dieser Sicherheit konnte sich eine enorme Steigerung des Wohlstands und der Lebensverhältnisse aufsetzen. Ohne den Leviathan, der den Besitz und andere Grundrechte nicht nur schützt, sondern auch selbst achtet, könnten Wirtschaftskreisläufe gar nicht stabil bleiben. Dass Sie nicht hungern müssen, liegt am Leviathan.

Am bemerkenswertesten ist vermutlich der Fortschritt für die schwächsten der Gesellschaft: für die Kinder. Das beginnt damit, dass jener durch den Leviathan ermöglichten Aufschwung die Kindersterblichkeit um Größenordnungen verringern konnte. Vor zweihundert Jahren starb in Deutschland noch jedes vierte Kind innerhalb seiner ersten fünf Lebensjahre, oft unter großen Schmerzen. Heute sind es weniger als 0,4 %. Die erste der beiden Zahlen ist nicht ungewöhnlich, etwa so hoch lag die Kindersterblichkeit seit Anbeginn der Menschheit. Die zweite ist in der Menschheitsgeschichte etwas zuvor nie Gesehenes. Erreicht durch staatliche Ernährungsprogramme, Hygienemaßnahmen und öffentlichen Gesundheitseinrichtungen.

Und die staatliche Ordnung brachte noch weitere Verbesserungen für unsere Kinder. Früher wurden diese von ihrer Familie ausgebildet und konnten nur in deren Berufe gehen. Seit der Staat die Bildung übernommen hat, haben sie viel mehr Möglichkeiten. Die soziale Mobilität ist natürlich noch nicht perfekt und könnte besser sein. In Skandinavien zum Beispiel haben Kinder aus ärmeren Schichten viel größere Aufstiegschancen. Aber im Vergleich mit früheren Zeiten ist auch in Deutschland die Verbesserung extrem.

Global gesehen ebenso. Ein altes Kinderlied behauptet: „Alle Kinder lernen lesen.“ Das ist überraschend akkurat. Wir haben glauben oft irrtümlich, das sei auf die Westliche Welt beschränkt, aber das stimmt seit Jahrzehnten nicht mehr. Heute lernen auch in der Dritten Welt die meisten Kinder lesen. Das ist ein unfassbarer Fortschritt. Und für diesen Artikel sind die wenigen Gebiete bezeichnend, in denen das nicht passierte: Das sind nämlich fast ausschließlich Regionen, wo keine stabile staatliche Ordnung besteht.

Und auch in anderen Bereichen hält der Leviathan seine schützende Hand über unsere Kinder. Über Jahrtausende war es Eltern erlaubt und wurde von ihnen sogar erwartet, dass sie ihren Nachwuchs schlagen. Dann beschloss die Gesellschaft, das nicht mehr zuzulassen und verlässt sich auf die Jugendämter, diesen neuen Wert durchzudrücken. In über fünfzig Ländern auf der Welt ist die Prügelstrafe mittlerweile verboten. Und das ist kein lapidares Verbot, wie dass Raubkopien streng genommen illegal sind. Nein, das ist eine Sache, in der die Jugendämter überhaupt keinen Spaß verstehen. Und auf diese Weise schützt uns der Leviathan von der ersten Sekunde unseres Lebens an.

Dass uns das allen irgendwie bewusst ist, ist der Grund hinter einer Forderung, die den meisten von uns wie eine völlige Binsenweisheit erscheint: Man solle das Gesetz nicht in die eigene Hand nehmen. Klingt für uns offensichtlich, aber wenn Sie mal darüber nachdenken, steckt da einiges an bewusstem Verzicht drin. Schließlich fordert man damit meistens Leute auf, sich zurückzuhalten, die sich geschädigt fühlen und diesen Schaden ausgleichen wollen. Doch anstatt diesem Impuls nachzugehen, fordern wir heute, dass der Geschädigte eben nicht tut, was seinem Gerechtigkeitsempfinden entspräche. So erfolgreich war der Leviathan, dass uns diese ungewöhnliche Haltung, die unseren Instinkten direkt widerspricht, geradezu ins kollektive Bewusstsein übergegangen ist.

Es ist auch der Grund, warum wir Reichsbürger so bedrohlich finden. Das sind nicht viele (ca. 20.000, oder 0,025 % der Bevölkerung), sie sind nicht einflussreich (die meisten sind gescheiterte Existenzen), aber diese Menschen greifen den Leviathan an. Und wer den Leviathan angreift, greift uns alle an.

Die bisherigen Beispiele fielen alle recht drastisch aus. Es ging meistens um schwere Untaten, wie Diebstahl, Todschlag oder Mord. Doch der Leviathan kann auch in alltäglichen Fragen sehr nützlich sein, indem er das Handeln von vielen, vielen Menschen koordiniert. Viele Probleme lassen sich eben nur gemeinsam bewältigen. Und jedes Mal, wenn etwas gemeinsam zu machen wäre, gibt es den Anreiz für den Einzelnen, die Allgemeinheit auszunutzen und nicht mitzuarbeiten.

Wir überlassen es nicht dem Einzelnen, ob er Giftmüll einfach in den Fluss schmeißen möchte, ob sein Auto einen Katalysator haben sollte, ob er an einer roten Ampel halten möchte. Der individuelle Landwirt darf nicht entscheiden, wie schadstoffbelastet das Essen sein darf, welches er verkauft. Und so weiter…

Was alle betrifft, überlassen wir nie dem Einzelnen. „Wir möchten das den Bürgern selbst überlassen“, ist Politikersprech für: „Es ist uns völlig egal, ob das passiert oder nicht.“

Wie Sie hoffentlich sehen, ist das Konzept des Leviathans seit Thomas Hobbes zum vollkommen verinnerlichten Staatsverständnis unserer Epoche geworden.

Die Rezeption zu Hobbes’ Lebzeiten

Angesichts der tiefgreifenden Wirkung, die Hobbes’ Werk auf dieses heutige Staatsverständnis hatte, sollte man vielleicht denken, er wäre zu Lebzeiten gefeiert worden. Das Gegenteil war der Fall. Zwar hatte er einige Fürsprecher, aber das Gros beider Lager war alles andere als begeistert. Die Republikaner waren wütend, wie hier jemand direkt nach dem blutigen Bürgerkrieg einen Sovereign als notwendige Vorraussetzung für Sicherheit darstellte.

Aber auch die andere Partei reagierte verärgert. Obwohl er sich für den Absolutismus aussprach, waren die Königstreuen erzürnt, weil Hobbes keine höhere Bestimmung oder Ähnliches als Herrschaftsgrundlage anführte. Auch dass er den Sovereign als Kopf des Staates darstellte und gleichzeitig besagten Staat mit einem Seeungeheuer verglich, stieß vielen Lesern sauer auf. (Sie können das womöglich nachfühlen, wenn Sie es oben unpassend fanden, dass der Sinn von Regierungen anhand von Kleinkriminellen erklärt wurde. Hier das abstrakte Muster und nicht das emotional belastete Beispiel zu sehen, fällt nicht jedem leicht.)

Mehr noch, wie Thomas Hobbes sekulär und sachlich nicht bloß mit dem Königsheil, sondern auch der Christlichkeit der Gesellschaft umging, brachte den Klerus gegen ihn auf. Bis zu seinem Lebensende wurde Hobbes, obschon er gläubiger Christ war, immer wieder als Atheist angepragert, was damals noch als tiefe Beleidigung zählte. Im Winter 1651 musste er vor der Verfolgung gar nach England fliehen, obgleich dort diejenigen regierten, die den König hingerichtet hatten. Dort hatte er für ein paar Jahre zumindest etwas ruhigeres Fahrwasser.

Absurderweise sah er sich nach der Restauration der Monarchie 1660 wieder vielen Anfeindungen gegebenüber. „Hobbismus“ wurde geradezu zum Schimpfwort. Es war der Schutz des jungen Königs Karl II., der sich auf die Seite seines früheren Mentors stellte, ohne den Thomas Hobbes in echten Schwierigkeiten gewesen wäre. (Wie passend, dass es der Schutz durch den Sovereign war, der seine Sicherheit garantierte.)

Dies wurde 1666 besonders wichtig, als das britische Unterhaus ein Gesetz auf den Weg brachte, das Atheisten verfolgte. Hobbes war zwar eigentlich gar kein Atheist, aber das hinderte den Gesetzgeber nicht daran, seinen Leviathan explizit im Gesetzestext zu erwähnen. Der Schutz des Königs milderte den Schaden für Hobbes ab, aber es wurde ihm dennoch verboten, Werke über Ethik in englischer Sprache zu publizieren. Keine großartige Situation, aber wie erwähnt konnte Hobbes fließend Latein (die lateinische Ausgabe von Leviathan hatte er 1668 selbst übersetzt) und Latein war die Gelehrtensprache seiner Zeit, sodass er wenigstens an Intellektuelle weiterhin veröffentlichen konnte. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Thomas Hobbes auf dem Landsitz der Familie Cavendish, mit der er jetzt bereits seit über 50 Jahren (und aus sicht der Cavendishes mehreren Generationen) befreundet gewesen war. Dort starb er am 4. Dezember 1679 im Alter von 91 Jahren. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Ein großer Sprung im Dunkeln.“ (engl.: „A great leap in the dark.“)

2 Kommentare zu „Thomas Hobbes – Warum lassen wir uns regieren?

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  1. Vielen Dank für den interessanten Beitrag. Ich möchte nur eine Anmerkung zur Talion machen: Sie schreiben: Auge um Auge, Zahn um Zahn, lässt am Ende alle blind und zahnlos zurück.

    Tatsächlich war die Talion aber eine Begrenzung der Blutrache. Schließlich verhindert eine Beschränkung der Strafe auf das Spiegelbild des zugefügten Schadens gerade das Ausufern, das später im Beitrag auch befürchtet wird (Eskalationsspirale“). Zur damaligen Zeit war die Alternative nämlich häufig ein vielfaches des zugefügten Schadens.

    Insofern mag es uns heute vielleicht kontraintuitiv erscheinen, aber die Talion war tatsächlich ein Schritt in die richtige Richtung.

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    1. Danke für das Lob und den Beitrag.

      Ich hatte gar nicht mit einer Reaktion auf so eine saloppe Erklärung gerechnet.
      Prinzipiell stimmt es, dass es ein Schritt in die richtige Richtung war und die Blutrache begrenzen sollte. Es zeigte sich nur leider in der Praxis in den Jahrhunderten danach, dass sich jede Seite mehr geschädigt fühlt, als er der anderen schadet, und die Eskalation trotzdem eintritt.

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