Agnes Pockels – als Autodidaktin ein neues Forschungsfeld mitgründen

Name: Agnes Luise Wilhelmine Pockels

Lebensdaten: 14. Februar 1862 in Venedig bis 21. November 1935 in Braunschweig

In aller Kürze: Weil sie als Frau nicht Physik studieren durfte und sich um ihre kranken Eltern kümmern musste, legte Agnes Pockels zentrale Grundlagen der Oberflächenchemie durch Experimente in ihrer Küche.

Im Detail: Die erste Frau, die in Deutschland je zum Ehrendoktor der Ingenieurswissenschaft ernannt wurde, war in einem Feld tätig, das sie selbst mitgegründet hatte, von dem aber die wenigsten Leute überhaupt gehört haben: der Oberflächenchemie. Und nicht nur ihr Forschungsfeld fand wenig Beachtung, als Frau musste sie um jedes Bisschen Einfluss kämpfen, obwohl sie ohne Frage hochbegabt war.

Agnes Luise Wilhelmine Pockels wurde am 14. Februar 1862 in Venedig geboren, welches damals unter österreichischer Herrschaft stand. Sie war das erste Kind von Theodor Pockels und Alwine Becker. Ich Vater war Offizier in der Österreichischen Armee, musste jedoch 1871 wegen Malaria aus dem Dienst ausscheiden. Auch seine Frau erkrankte an Wechselfieber. Um zu gesunden und von den italienischen Malariagebieten weiter wegzukommen, zog die Familie nach Braunschweig, wo Agnes Pockels der Rest ihres Lebens verbringen sollte. Diese Stadt war damals das Zentrum des Herzogtums Braunschweig, welches in genau dem Jahr der Ankunft der Pockels Teil des neu ausgerufenen Deutschen Reichs wurde. Ob dieser Neuanfang der Pockels durch die Neugründung des Reichs beeinflusst wurde, ist schwer zu beurteilen. Auch wenn das Deutsche Reich auf dem Papier neu war, war es in der Praxis eine bloße Fortsetzung und Rechtsnachfolger des Norddeutschen Bundes, welcher bereits durch die Verfassung 1867 de facto zu einem vereinigten Staat geworden war.

Für Agnes Pockels war die neue Heimat gleichzeitig eine große Gelegenheit und eine große Belastung. Sie konnte in Braunschweig die Städtische Oberschule für Mädchen besuchen. (Die Schule gibt es übrigens immer noch. Sie nimmt heute allerdings auch Jungen auf und heißt Gymnasium Kleine Burg.) Mädchenschulen waren damals eher auf Sprachen und Geisteswissenschaften ausgelegt. Erst im letzten Schuljahr erhielt sie Physikunterricht, welcher sie völlig begeisterte.

Leider konnte sie auf diese Schulbildung zunächst keine große Karriere aufbauen. Ein reiner Umzug heilt leider keine Malaria. Beide Eltern waren weiterhin krank und brauchten Unterstützung. Hilfe, die sie fern von ihrer Heimat nur aus der Kernfamilie bekommen konnten. Deshalb entschied sich ihre Tochter Agnes gegen eine Ausbildung, um die Eltern pflegen zu können. Einen wirklichen Studienplatz in Physik hätte sie als Frau nicht bekommen können, aber zumindest eine Ausbildung in diese Richtung wäre ihr auch damals schon möglich gewesen. Zumal ihr jüngerer Bruder in die Physik ging und seiner Schwester hätte unter die Arme greifen könne. Doch für ihre Eltern verzichtete Pockels auf jede berufliche Karriere.

Eine geringere Frau wäre damit eine reine Hausfrau geblieben. Aber Agnes Pockels hatte die richtige Mischung aus solider Schulbildung, gesunder Neugier, Interesse an Wissenschaft und angeborener Intelligenz, um auch als Laiin und Hausfrau in die Forschung zu gehen. Was beruflich nicht möglich war, verfolgte sie als Hobby. Von ihrem Bruder Carl Alwin, welcher zu dieser Zeit in Göttingen Physik studierte, lieh sich Agnes Pockels erst Lehrbücher und später Fachartikel, um sich im Selbststudium in dieses Fach einzuarbeiten.

Weil Pockels ihre Forschung neben ihrer Hausarbeit durchführen musste, lag es nahe, dass sie neben dem Geschirrspülen physikalisch-chemische Experimente an Seifenwasser durchführte. Sie erfand eine sogenannte Schieberinne, um die Oberflächenspannung von Lösungen zu messen und bspw. zu quantifizieren, wie stark die Seife die Oberflächenspannung von Wasser herabsetzte. Sie konnte damit unter anderem zeigen, dass die Seifenmoleküle eine monomolekulare Schicht auf der Wasseroberfläche bilden können.

Das war in der damaligen Zeit eine bahnbrechende Erkenntnis. Es gab noch keine bildgebenden Verfahren (bspw. Röntgen), um die Form und Größe von Molekülen sichtbar zu machen. Doch Pockels’ Methode erlaubte es zu messen, wie weit man den Schieber bewegen musste, um die Seifenhaut so weit auszudehnen, dass die Seifenschicht genau ein Molekül dick war. Weil sie bestimmen konnte, wie viele Moleküle in der Seifenschicht waren, konnte sie damit ausrechnen, wie viel Platz ein einzelnes Molekül auf der Oberfläche einnahm. Hier hatte eine Hausfrau und Hobbyphysikerin nebenbei ein Mittel gefunden, um die Größe von Molekülen zu messen. Das war revolutionär.

Doch als Frau hatte Agnes Pockels es sehr schwer, ihre Ergebnisse publik zu machen. Der große Durchbruch kam nach zehn Jahren ihrer Forschung. 1891 las Pockels einen Artikel von John William Strutt, dem dritten Baron Rayleigh, der den Einfluss von Ölfilmen auf Wasseroberflächen untersucht hatte. Auf Anregung ihres Bruders hin schrieb die forschende Hausfrau einen langen Brief an Lord Rayleigh, in welchem sie ihren Apparat und ihre Ergebnisse schilderte. Dieser war von Pockels Arbeit begeistert und davon, wie diese seine Forschung ergänzte.

Lord Rayleigh sprach fließend Deutsch und übersetzte Pockels Brief ins Englische und reichte sie bei der damals schon sehr angesehenen Zeitschrift Nature ein. Die erste Publikation Surface Tension einer wissenschaftlich gebildeten Hausfrau erschien also direkt in einem wichtigen Journal und machte sie zu einer Mitbegründerin des jungen Forschungsfelds der Oberflächenchemie, welches wir heute der physikalischen Chemie zuordnen.

Diesen ersten Artikel als große Durchbruch für Pockels darzustellen, wäre reichlich übertrieben. Ja, ihre Forschung wurde wahrgenommen und in ihrem schmalen Fachgebiet begeistert aufgenommen. Sie baute ihre Forschung weiter aus und publizierte noch 13 weitere Artikel in Fachzeitschriften. Pockels konnte sowohl ihre Messmethodik weiter verbessern und beschrieb als erste den Effekt von Verunreinigungen durch Feststoffe auf die Oberflächenspannung.

Doch was für Feststoffe das waren, zeigt uns direkt die Kehrseite der Medaille: Es handelte sich nämlich um Staub. Agnes Pockels war weiterhin zu einem Leben als Hausfrau verdammt, ein echtes Labor oder gar eine Anstellung an einer Universität bekam sie nie. Als Frau wurde sie von der breiteren Forschungsgemeinschaft und Hochschullandschaft weiterhin kaum beachtet, so sehr sie in ihrer schmalen Spezialisierung anerkannt wurde. (Ein trauriges Phänomen, welches wir schon bei Mary Anning, Emmy Noether und Rosalind Franklin sahen.) Als ihr Bruder 1913 verstarb, hatte sie ihren wichtigsten Vermittler verloren und Pockels’ Kontakt zur deutschen Akademia war damit praktisch schlagartig abgebrochen. Als Frau konnte sie damals diese Verbindungen nicht ohne die Hilfe eines Mannes am Leben halten.

Als Irving Langmuir 1932 den Chemienobelpreis für die Erforschung der Oberflächenchemie erhielt, wurde Agnes Pockels’ Beitrag mit keinem Wort erwähnt, obwohl Langmuirs Forschung in zentralen Teilen auf den Erkenntnissen dieser Hausfrau aufbaute.

Pockels hatte sich mit dieser Ungerechtigkeit abgefunden und freute sich darüber, dass andere ihre Ergebnisse verwenden konnten. Wenigstens war ihr zu ihrem 70. Geburtstag 1932 (kurz vor dem Nobelpreis für Langmuir) von der Technischen Hochschule Braunschweig die Ehrendoktorwürde als Ingenieurin verliehen worden. Sie war die erste Frau in Deutschland, der diese Ehre im Feld der Ingenieurswissenschaften zuteilwurde.

Agnes Pockels starb am 21. November 1935 in Braunschweig, jener Stadt, die sie als marginalisierte Hausfrau über sechzig Jahre lang praktisch nicht verlassen hatte.

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