John Snow, Bezwinger der Cholera

Name: Dr. John Snow

Auch bekannt als: Bezwinger der Cholera

Lebensdaten: 15. März 1813 in York bis 16. Juni 1858 in London

In aller Kürze: Die rasant wachsenden Städte der Viktorianischen Zeit wurden immer wieder von einer fürchterlichen Seuche heimgesucht: der Cholera. Heute ist diese Krankheit in der Westlichen Welt praktisch verschwunden, weil ein Arzt namens John Snow herausfand, dass sie durch kontaminiertes Wasser verbreitet wird.

Im Detail: Was ist das größte Gebäude in Ihrer Stadt? (Wenn Sie auf dem Land leben: der nächsten Stadt?) Ich meine nicht das höchste Gebäude, sondern das größte, das mit der größten Ausdehnung, in das am meisten Material verbaut wurde. Es mag Sie überraschen, aber ich kenne die Antwort, ohne zu wissen, wo Sie wohnen. Denn es ist dieselbe Antwort in praktisch allen Städten der Westlichen Welt; und den meisten Städten der Zweiten und Dritten Welt. Das größte Gebäude fast jeder zivilisierten Stadt ist heutzutage ihre Kanalisation. Nicht gerade ein ruhmreicher Bau, weswegen wir lieber die höchsten Gebäude vergleichen, aber eine absolut essenzielle Immobilie, auf die niemand von uns verzichten sollte. (Die seltene Ausnahme bilden hier kleine Städtchen mit Großforschungseinrichtungen, z. B. Teilchenbeschleunigern.)

Und das ist historisch betrachtet sehr überraschend. Früher hatten die wenigsten Städte eine Kanalisation. Und in solchen (z. B. dem antiken Rom), in denen war die Kanalisation nur der reichen Oberschicht vorbehalten. Das alles änderte sich, nachdem der englische Arzt John Snow nachweisen konnte, dass die Seuche Cholera durch kontaminiertes Wasser übertragen wird.

John Snow wurde am 15. März 1813 in York geboren. Er war das erste Kind seiner Eltern, die noch acht weitere haben sollten. Sein Vater war ursprünglich Kohlearbeiter und die Familie lebte in einem der ärmsten Stadtteils Yorks. Seine Herkunft aus der armen Unterschicht war ein Stigma, gegen das John Snow in seiner Karriere immer wieder ankämpfen musste.

Was ihn aus dieser Armut holte, war John Snows wacher Geist. Man merkte ihm bereits in jungen Jahren eine große Begabung für Mathematik und abstraktes Denken an. Mit vierzehn Jahren, 1827, konnte er eine Stelle als Lehrling eines Dorfarztes erlangen. Später ging er bei einem Arzt und Apotheker in die Lehre.

Bereits 1832 kam er zum ersten Mal mit Cholera in Kontakt, die in einem Dorf bei einer Kohlemine ausgebrochen war. Er behandelte viele Opfer der Krankheit und erlangte große Expertise im Umgang mit dieser Seuche. Im Laufe der 1830er begann Snow seine Forschung, um die Ursachen der Cholera aufzudecken, die sich aber erst viel später auszahlen würde.

So früh in seiner Karriere war Snow noch nicht klar, dass die Krankheit aus dem Wasser kam, welches die Leute tranken; dass sich Cholera verbreitet, wenn die Keime in den Fäkalien der Kranken aus dem Abwasser ins Trinkwasser der (noch) Gesunden gelangen. Dass Krankheitserreger überhaupt existieren, war damals noch nicht nachgewiesen und in der Medizin eine Mindermeinung.

Es ist allerdings auffällig, dass John Snow schon als junger Mann darauf achtete, nur Sachen zu sich zu nehmen, die er als rein empfand. Er war Antialkoholiker und Vegetarier. Er versuchte, sich nach Möglichkeit mit destilliertem Wasser zu tränken, weil es besonders rein ist. Das gelang ihm allerdings noch längst nicht immer, weil destilliertes Wasser damals nicht an jeder Ecke zu kaufen können. (Sie können heute destilliertes Wasser in fast jeder Drogerie kaufen, weil man damit Dampfbügeleisen befüllt. Bitte trinken Sie das nicht. Destilliertes Wasser enthält von Natur aus keine Mineralien. Es regelmäßig zu trinken kann ziemlich bald zu Mineralmangel führen. Außerdem schmeckt es eklig, wenn Sie mich fragen.)

John Snow durchlief noch mehrere Ausbildungsschritte, bis er 1837 seine erste Anstellung als vollwertiger Arzt bekam. Er arbeitete nun am Westminster Hospital in London. Bis 1844 sollte er dann seinen Universitätsabschluss als Arzt machen. Damals konnte man also auch ohne Universitätsabschluss als Arzt praktizieren.

Nach seinem Abschluss eröffnete John Snow seine eigene Praxis. Schon in den frühen 1840ern konnte er die medizinische Forschung voranbringen – allerdings in einem ganz anderen Feld als der Epidemiologie: Er wurde Experte für Anästhesie.

Die Betäubungslehre war als systematische Disziplin damals noch in ihrer Anfangsphase. Hausmittel waren seit Jahrhunderten bekannt (bspw. Alkoholkonsum zur Schmerzreduktion), aber solide medizinische Forschung ging erst in dieser Zeit los. Dazu trug auch Snow bei. Bereits 1843 begann er, die Wirkung von Ether zu untersuchen. 1847 publizierte er dann eine Anleitung, wie mit Etherdämpfen narkotisiert werden konnte. Diese erweiterte er 1848 auf Dämpfe im Allgemeinen. Dabei untersuchte John Snow auch die Wirkung von Chloroform und erkannte die Wichtigkeit der richtigen Dosis bei der Narkose mit Chloroform auf traurige Weise: Allein in London waren mehrere Patienten von Snows Kollegen an Chloroformüberdosis verstorben. Der ortsansässige Snow untersuchte diese Tode und konnte den unvorsichtigen Umgang mit dem Narkotikum als Ursache ausmachen. Er entwickelte daher klare Empfehlungen, wie mit Chloroform zu narkotisieren sei. Er erfand auch einen Apparat, der eine sichere Verabreichung ermöglichte.

In diesem Bereich wurde Snow zunehmend als Autorität anerkannt. Dabei erarbeitete er sich ein besonderes Fachgebiet: die Anästhesie während der Entbindung. Die Betäubung von Frauen während der Geburt war ein durchaus umstrittenes Thema. Das lag nur teilweise daran, dass diese Methode einfach neu war. Die medizinischen Sorgen waren aus heutiger Sicht berechtigt, denn wir reden hier nicht etwa von Schmerzmitteln, sondern wirklich davon, die Entbindende unter Vollnarkose zu setzen. John Snow war dieses Problem bewusst, weswegen er sich darin übte, die Patientin nur knapp an die Kante zur Bewusstlosigkeit zu bringen – meistens mit Chloroform.

Auch diese Vorsicht wurde nicht immer geschätzt, denn die Schmerzen bei der Geburt wurden als göttliches Dekret, als Strafe für den Sündenfall gesehen. („Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.“ – 1. Mose 3.16) Während religiöse Menschen, in aller Regel Männer, sich deshalb gegen die Anästhesie bei der Entbindung aussprachen, war das damalige Oberhaupt der Church of England anderer Ansicht. An der Spitze der britischen Staatsreligion steht der Monarch. Das war damals Königin Victoria.

Die berühmte Monarchin war neunmal schwanger und brachte sogar alle Föten zur Welt. (In der damaligen Zeit waren Totgeburten durchaus nicht selten.) Erben zu gebären, war Teil ihrer Pflicht als Königin, was der einzige Grund gewesen sein dürfte, dass sie so viele Kinder hatte. Denn Victoria mochte Babys nicht sonderlich und sie hasste es, schwanger zu sein. Mehr noch, Entbinden fand sie nicht nur unangenehm, sondern auch eklig. Bei einer Geburt nicht bei Bewusstsein sein zu müssen, muss ihr wie eine plötzliche Erlösung vorgekommen sein. Nachdem sie sieben Entbindungen wach hatte durchstehen müssen, bat sie John Snow, sie für die Geburt ihres achten Kindes zu betäuben. Das tat der Mediziner am 7. April 1853, was ihm Ihre Majestät hoch anrechnete. Ein Ansehen, welches er direkt im nächsten Jahr würde nutzen können, als er den Fluch der Cholera entschlüsselte.

Im Jahre 1854 brach im Londoner Stadtteil Soho die Cholera aus. Cholera ist eine fürchterliche Krankheit. Sie äußert sich in heftigem Erbrechen und Durchfall, was nicht nur unangenehm und abstoßend ist, sondern im Falle der Cholera tatsächlich den Tod durch Entwässerung zur Folge haben kann. Je nach Verlauf und äußeren Faktoren sterben bis zu 70 % der Erkrankten an ihr. Besonders perfide ist, dass dieser widerliche Verlauf den Schlüssel zur Verbreitung dieser Seuche darstellt: Die Keime in den Ausscheidungen sind hochansteckend, vor allem wenn sie ins Trinkwasser gelangen, wenn Abwasser und Trinkwassergewinnung nicht sauber getrennt werden.

Die Seuche Cholera hatte London immer wieder heimgesucht und war eine apokalyptische Plage in praktisch der ganzen Welt. Sie konnte sich innerhalb kürzester Zeit durch ganze Stadtteile brennen und riesige Leichenberge hinterlassen. Niemand konnte von ihr sicher sein: Cholera tötete die Reichen wie die Armen, die Jungen wie die Alten, die Guten wie die Bösen. Sie war so bedrohlich, dass sie in vielen Sprachen sprichwörtlich wurde. Wir sprechen von der „Wahl zwischen Pest und Cholera“, wütende Polen bspw. fluchen „Cholera jasna!“ – „Helle Cholera!“

Die Ärzte und Heiler versuchten ihr Bestes, um der Seuche Herr zu werden. Doch zu dieser Zeit wusste niemand, was diese Krankheit verursacht und wie sie sich überträgt. Niemand hatte erkannt, dass die widerlichen Ausscheidungen eines Cholerakranken nicht nur ein Leiden darstellten, sondern ein Weg für die Cholerabakterien, sich zu verbreiten. Das Konzept der Krankheitserreger war damals nur eine Randhypothese, die kaum jemand glaubte. Schließlich konnte man die Bakterien nicht sehen und man hatte keine guten Belege für diese Idee. Einige Leute vermuteten eine Übertragung über nicht sichtbare Substanzen, aber man stellte sich diese bloß wie Gifte vor. (Ignaz Semmelweis fand sich in einer ähnlichen Lage.) Weil Gifte sich nicht fortpflanzen können, rechnete niemand damit, Cholera könnte sich über das Grundwasser verbreiten. Denn jedes normale Gift in den Ausscheidungen eines Menschen, das in die Themse gelangt, müsste sofort bis zur Harmlosigkeit verdünnt werden. Dass Keime trotzdem auf diese Weise übertragen werden können, liegt eben daran, dass aus einem einzigen Bakterium sehr schnell sehr viele werden können. Doch das war noch niemandem klar, weshalb man die Cholera damals auf stinkende Dämpfe (sogenannte Miasmen) zurückführte.

Wegen seines Unratproblems und seiner Überbevölkerung stank gerade London zum Himmel, was auch jedem Laien instinktiv ungesund erscheint. Dieser Ekel ist kein Zufall. Die Evolution hat uns so angepasst, gerade weil Fäkalien Krankheiten verbreiten können. Da lag der Fehlschluss, die stinkenden Lüfte selbst wären das Problem und nicht nur ein indirekter Vorbote, schon nahe. Die Ärzte, die die Miasmentheorie hochhielten, waren nicht etwa dumm, nur im Irrtum.

Leider liegt es in der Natur der Sache, dass man die Welt nicht verbessern kann, ohne sie verstanden zu haben. Somit waren auch alle Versuche, mit der Miasmenlehre die Cholera zu bekämpfen, zum Scheitern verurteilt. Beispielsweise versuchte man, den Fäkalgestank in der Stadt durch umfassende Parfümierung zu übertünchen, was auf die Cholera einfach gar keinen Einfluss hatte. Auch spätere Versuche, die Miasmen nicht mehr als zwangsläufig stinkend ansahen, aber weiterhin eine Übertragung durch die Luft postulierten, konnten nichts bewirken.

John Snow hatte genügend Praxiserfahrung mit Cholera, dass er die Miasmentheorie schon Jahre vorher abgelehnt hatte. Das bedeutete aber nicht, dass er den wirklichen Auslöser der Seuche kannte. Er schlug bereits 1849 eine Übertragung durch das Wasser als Hypothese vor, hatte aber keine solide Datengrundlage. Diese Idee zu belegen, sollte ihm erst 1854 gelingen.

Von 1849 bis 1854 wütete die Cholera immer wieder in London. John Snow sammelte systematisch Daten in einer Forschung, die man heutzutage als Epidemiologie bezeichnen würde, auch wenn diese Disziplin sich damals erst formierte. Es kristallisierte sich mehr und mehr die Wasserqualität als Auslöser heraus. Ihr Trinkwasser bekamen die Londoner damals von mehreren privaten Wasserlieferanten, die bei weitem nicht alle dieselbe Qualität lieferten. Während das Wasser von manchen weiter oben aus dem Themse gepumpt wurde, holten andere es von Stellen tiefer im Stadtkern, wo bereits jede Menge Unrat und Abwasser der Stadt in den Fluss geraten waren. Außerdem wurde das Wasser mit sehr unterschiedlicherer Sorgfalt gefiltert.

Der Ausbruch 1854 passiert direkt um eine einzelne Wasserpumpe herum, die aber nicht von allen Anwohnern genutzt wurde, und stellte damit die ideale Gelegenheit für Snow dar, seine Hypothese mit stichfesten Daten zu untermauern. Hier erkrankten vergleichbare Menschengruppen (gleicher Wohnort, gleicher sozialer Stand, gleiche Umweltfaktoren usw.), deren einziger signifikanter Unterschied ihre Trinkwasserquelle war. Unter Hochdruck befragte Snow die betroffenen Bewohner und wertete die Ergebnisse mathematisch aus. Snow konnte eine statistische Karte um die Broad-Street-Pumpe anfertigen und zusammen mit seinem guten Ruf als Arzt, der die Königin behandeln durfte, war sie überzeugend genug, dass die Pumpe stillgelegt wurde, indem man den Pumpenhebel entfernte.

Snows mathematische Analyse ist hier besonders zu betonen. Weil ein abgebauter Hebel so ein klares Bild darstellt, entstand bald das Gerücht, mit diesem Schritt allein wäre die Epidemie beendet worden. Man bekommt fast das Gefühl, Snow hätte diesen Mythos vorhergeahnt. Zumindest stellte er in seinem Bericht bereits klar, der Ausbruch sei schon auf dem Rückgang gewesen, als der Pumpenhebel abgebaut wurde, dieser Schritt hätte aber geholfen. Das konnte er statistisch zeigen.

Seinen wirklich großen Einfluss hatte John Snow mit eben jener mathematischen Auswertung, mit der er nachweisen konnte, dass es das mit Fäkalien verunreinigtes Wasser war, welches die Seuche übertragen hatte.

Es sollte noch eine Weile dauern, bis die Miasmentheorie komplett abgelehnt werden würde. Aber Snows Analyse war schlagkräftig genug, dass London, damals die mächtigste Stadt der Welt, ab 1859 das mit Abstand größte Bauprojekt seiner Geschichte anging: seine Kanalisation. Eine gigantische Aufgabe. Eine ganze Stadt wurde zentralisiert unterkellert, bis jedes Haus und jede Wohnung an das Abwassersystem angeschlossen worden war. Der Aufwand an Zeit, Mühe und Kosten übertraf alles zuvor Dagewesene.

Aber die Wirkung trat praktisch sofort ein. Seine letzte Choleraepidemie suchte London 1866 heim, in einem Teil der Stadt, den die Kanalisation noch nicht erreicht hatte. Danach war die Krankheit in London Geschichte. Mehr und mehr Städte würden folgen, bis die schreckliche Seuche Cholera in der Westlichen Welt undenkbar wurde.

John Snow selbst sollte diese Mammutleistung nicht mehr erleben. Er verstarb bereits 1858, im Alter von 45 Jahren, an einem Schlaganfall. Aber die Menschheit hat ihm viel zu verdanken, wenn es auch zu unappetitlich ist, als dass wir gerne darüber nachdächten.

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